Samadhi Pada

Satz 2

yogash chitta vritti nirodhah ||2||

योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः ॥२॥

yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ ||2||

Im Zustand des Yoga sind alle Trübungen (Vritti), die im Wandelbaren des Menschen (Chitta) bestehen können, aufgelöst. ||2||

yogah (योगः, yogaḥ) = (nom. sg. m. von yoga (योग, yoga)) Yoga
chitta (चित्त, citta) = (iic.) alles Wesen des Menschen, Gedanken
vritti (वृत्ति, vṛtti) = (iic.) Welle, Gedanken, hier: Vorprägungen des Chitta, Vorurteil. Ein Vritti verändert wie ein Vorurteil die Wahrnehmung. So wie die Wellen auf der Wasseroberfläche den Blick zum Grund verzerren oder trüben.
nirodhah (निरोधः, nirodhaḥ) = (nom. sg. m. von nirodha (निरोध, nirodha)) zur Ruhe kommen, kontrollieren

Chitta - verstellt die Sicht auf die Wahrheit

Chitta kann wie ein Schleier verstanden werden. Ein Schleier, der das Gesicht eines islamischen Mädchens verhüllt. Jede Wahrnehmung der Umwelt geschieht durch diesen Schleier. Die ganze Welt trägt so die Farbe des Schleiers und es ist dem Mädchen unmöglich zu wissen, wie die Welt in Wahrheit aussieht. Vielleicht trägt sie jeden Tag einen Schleier mit einer anderen Farbe. Mal sieht sie in der Welt alles schwarz, ein andermal ist für sie alles rosarot.

Genauso geht es uns ständig, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wir nehmen die Welt verzerrt wahr. Stell Dir vor, Du bist spät dran, wenn Du Dich in's Auto setzt und losfährst. Auf welche Welt wirst Du treffen? Vermutlich auf eine Welt voller roter Ampeln und trödelnder Menschen. An einem anderen Tag hast Du viel Zeit, wenn Du Dich in das Auto setzt. Wie sieht die Welt nun für Dich aus? Vermutlich genießt Du Deine Fahrt. Doch die Welt hat sich nicht geändert, einzig Deine Wahrnehmung der Welt ist verändert. Einmal blickst Du durch den Schleier der Eile auf die Welt, das andere mal durch den Schleier der Muße. Und dem entsprechend erlebst du deine Wirklichkeit. Wahrzunehmen, wie die Welt tatsächlich ist, das ist der Zustand, den Patanjali (पतञ्जलि, Patañjali) als Yoga bezeichnet.

Yoga will diesen Schleier lüften, Dir den Kuss der Wahrheit geben. Erstmals kannst Du die Realität wirklich wahrnehmen, erstmals kannst Du auch Dich selbst wirklich wahrnehmen. Eine Erfahrung, die von Grund auf das Leben verändert.

Chitta - die flüchtigen Gedanken, oder viel mehr?

Oft sehen wir Chitta als der Geist übersetzt. Doch das fasst die Bedeutung meines Erachtens zu kurz. Chitta ist all das an unserem Menschsein, das unsere Wahrnehmung beeinflusst. Unser energetisches Level, die Welt der Emotionen und die der Gedanken wirken auf unsere Wahrnehmung. All das verändert sich von Tag zu Tag und im Laufe unseres Lebens. Einzig unser wahres Wesen bleibt immer gleich und beobachtet durch den sich stets wandelnden Schleier die Welt und sich selbst.

Vritti - Ein folgenreiches Vorurteil

Mit Vritti, wörtlich "Wellen" wird all das beschrieben was das wandelbare Chitta beeinflussen kann. Auf den Mentalkörper bezogen sind dies die Gedanken. Im physischen Körper wirken Krankheiten und die stete Veränderung durch das älter werden. Wie ein Vorurteil beeinflussen die Vrittis so die Wahrnehmung. So neigen wir oft dazu, vom Äußeren eines Menschen auf dessen Beruf zu schließen. Wer in Arbeitskleidern steckt ist ein Handwerker, trägt er einen weißen Kittel, wird's wohl ein Arzt sein. Erzählt uns nun der Kerl im Blaumann, wie wir mit unserem verstauchten Knöchel umgehen sollen, dann schenken wir ihm vermutlich wenig Gehör. Sehr fahrlässig von uns. Denn wir können nicht wissen ob es vielleicht ein Arzt ist, der hier mal zur Abwechslung in Blau vor uns steht.

Schizophrenie des Alltags

Als Menschen stecken wir in diesen Vorurteilen so fest, wie ein Schizophrener in seinem Wahn. Er ist nicht fähig, sich davon zu lösen. Er kann den Wahn nicht einmal als solchen erkennen. Alles was er sieht, versteht er als Bestätigung seiner Wahnvorstellung.

Sich von diesen Vorurteilen, die unsere Wahrnehmung verändern, zu lösen, ist eine sehr komplexe Aufgabe, da sie uns als Ganzes betreffen. Die Vorurteile sind verbunden mit unserem physischen, energetischen, emotionalen und mentalen Körper. Dennoch kann jeder diesen klaren Zustand der Wahrnehmung, den Patanjali (पतञ्जलि, Patañjali) als Yoga beschreibt, erreichen. Patanjali (पतञ्जलि, Patañjali) zeigt uns hier einen gangbaren Weg.

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