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Die Gitarristin und Musiklehrerin Lisa Duhm geht im AYInstitute Ulm auf die Yogamatte und erlebt dabei, dass sie ihrem Rücken und ihren Händen trauen darf. Mit dem Mut auf der Matte wächst für manche Dinge auch der Mut im Leben – so steht bei aller angenehmen Anstrengung am Ende die Erkenntnis: „Jede und jeder darf so sein wie er ist!“

Melanie: Wie kamst Du zum Yoga bzw. auf die Idee, Yoga zu praktizieren?

Lisa: Das kam durch meinen Gitarrenprofessor in Stuttgart. Ich habe in Stuttgart Gitarre studiert und dabei mitbekommen, dass mein Professor an der Musikhochschule einmal pro Woche nach Ulm fährt. Er hat immer erzählt, dass er im AYInstitute Ulm Yoga praktiziert und wie gut es ihm gefällt. Nach dem Studium habe ich in Ulm eine Stelle bekommen und er hat sofort zu mir gesagt: „Geh‘ da hin!“ Es hat anschließend noch ca. ein dreiviertel Jahr gedauert und dann war ich hier. Mir war von Anfang an klar, wenn ich hierherkomme, dann mache ich es so, wie ich es aus den Erzählungen meines Professors kenne: Einmal in der Woche zum Üben in die Schule und sonst jeden Tag zu Hause üben. Eine Zeit lang war ich also im AYI® Basic Kurs und habe die Übungen, die ich mir schon merken konnte, an den anderen Tagen zu Hause gemacht. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt auch mal in Mysore gehen kann und seitdem komme ich fast immer in die Mysore-Stunde.

Lisa: Während meines Studiums in Stuttgart habe ich erstmals entdeckt, dass man Körperübungen nicht nur als Ausgleich zum Musizieren machen kann, sondern dass man eigentlich beides gleichzeitig machen kann! Das Seminar hieß „Musikphysiologie“ und die Lehrerin hatte eine Ausbildung nach Heinrich Jacoby und Elsa Gindler. Das hat mir die Augen für das Musizieren mit dem ganzen Körper geöffnet. Nach dem Studium und nach meinem Umzug nach Ulm habe ich dann nach etwas gesucht, womit ich diesen Weg noch weitergehen kann.

Melanie: Wo steckt für Dich die Musik im Ashtanga Yoga? Wo siehst Du da die Parallelen?

Lisa: Zum Beispiel das Kontinuierliche, die Verbindung mit dem Atem und das Durchgehen durch einen bestimmten Ablauf sind mit dem Musizieren sehr vergleichbar. Man spielt einen Abschnitt und findet einen Übergang in den nächsten Abschnitt. Das ist wie zum Beispiel in die Dreieckshaltung gehen, bleiben – spüren – atmen, dann wieder rausgehen und Vinyasa... Die Ashtanga Yoga Serie ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit einem Musikstück. Beim Yoga das gleichmäßige Atmen zu praktizieren hat mir umgekehrt auch bereits wieder beim Musizieren geholfen: Bevor ich nach Stuttgart kam bzw. auch noch in der Anfangszeit dort, habe ich beim Musizieren manchmal hyperventiliert. Das kam, weil ich zu viel und nicht gleichmäßig geatmet habe. Jetzt ist mir das schon lange nicht mehr passiert.

Melanie: Das sind dann die positiven Effekte, die Du durch das Üben erzielt hast, zum Beispiel dass der Atem jetzt gleichmäßiger ist. Dir ist es also gelungen, den Atem von der Yogamatte mit in die Musik zu nehmen. Wie hast Du noch gemerkt, dass Yoga Deine Art Musik zu machen beeinflusst?

Lisa: Ich hatte etwa 1 ½ Jahre lang auch ziemlich starke Schmerzen im linken Handgelenk. Das kann beim Gitarrespielen nämlich sehr abgeknickt sein und dadurch unter Spannung stehen. Die Besserung fing bereits in Stuttgart an und wurde hier beim Üben im AYI Ulm noch um andere Facetten ergänzt. Das Handgelenk ist jetzt mehr mit dem ganzen Körper verbunden und wird dadurch beim Spielen entlastet.

Melanie: Wie spürst Du, dass die Hand bzw. der Arm mehr zum Körper dazugehört? Ist das für Dich eine Art Bandha-Arbeit?

Lisa: Aus dem Seminar in Stuttgart habe ich mitgebracht, dass ich stärker das Gefühl habe, dass die Hand nicht alleine die Saiten herunterdrücken muss, sondern mit dem Körper verbunden ist. An der Hand hängen ja der Arm und die Schulter. Beide können mithelfen, Kraft auf das Griffbrett zu bringen, allein durch ihr Gewicht. Zu Beginn meiner Yoga-Übungspraxis habe ich einen starken Fokus auf die therapeutischen Übungen für das Handgelenk, die mir Ronald gezeigt hat, gelegt. Dadurch sind meine Hände und Arme viel kräftiger geworden, was mir nun auch sehr beim Gitarrespielen hilft.

Melanie: Yoga hilft Dir also, ganzheitlicher Gitarre zu musizieren, gleichsam mit Deinem ganzen Körper zu spielen? Das sind die direkten Effekte des Yoga auf die Musik. Gibt es da noch andere außer das Handphysiologische?

Lisa: Ja, die gibt es! Seit ich die Yogapraxis hier länger mache, habe ich auch mehr Spaß daran mich anzustrengen. Weil ich jetzt so oft erfahren habe, dass ich mich danach gut fühle. Früher habe ich öfter, auch bei der Musik, gedacht: „Oh Gott, das ist anstrengend! Keine Lust!“ Jetzt denke ich eigentlich eher: „Naja, das ist anstrengend, aber danach fühlt es sich gut an. Also los!“ Noch ein Aspekt ist, dass  meine Angst nicht mehr so groß ist, irgendetwas an mir kaputt zu machen. Das kommt, glaube ich, daher, dass ich meinen Körper einfach besser fühle. Wenn ich zum Beispiel in den Händen Muskelkater fühle oder irgendetwas spüre, das ich zuerst einmal nicht zuordnen kann, dann beruhige ich mich: „So schnell geht das nicht kaputt und jetzt probiere ich erst mal noch ein bisschen weiter.“ Dann fühlt es sich auch meistens nach einem Tag wieder gut an.

Melanie: Also kann man sagen, Ashtanga Yoga hat Dir Mut gegeben?

Lisa: Auf jeden Fall! Auch abgesehen von der Musik habe ich in den fast zwei Jahren mehr Mut auf der Matte bekommen – gerade für Übungen, bei denen ich am Anfang dachte: „Ach, die muss ich gar nicht können.“ Ronald sagt im Mysore-Unterricht dann zum Beispiel einfach: „Lisa, jetzt Unterarmstand!“ Und dann denke ich: „Ok, wenn er das sagt, dann mache ich das jetzt halt!“ Und dann klappt es auf einmal. Das freut mich schon!

Melanie: Mit anderen Worten Du übst jetzt Positionen, von denen Du am Anfang nicht geglaubt hattest, dass Du sie jemals machen wirst und merkst auch, wie Du mit neuen Positionen anders umgehst. Durch das Vertrauen in Deinen Lehrer, konntest Du mehr als Du Dir zuvor zugetraut hast und hattest so ein inneres Aha-Erlebnis im Umgang mit neuen Herausforderungen. Es ist wie ein Wechselspiel zwischen dem Mut auf der Matte und dem Mut im Leben. Gibt es sonst noch Einflüsse auf Dein Leben?

Lisa: Klar, also vielleicht erst einmal ein ganz praktischer Einfluss: Ich hatte eigentlich immer Rückenschmerzen. Die waren zwar nicht permanent da, aber ich habe immer versucht, Bewegungen zu vermeiden, die mir in den Rücken fahren könnten. Das hat angefangen als ich etwa 17 Jahre alt war. Bestimmt kam das auch durch das Gitarrespielen, weil man dabei ja eine asymmetrische Haltung hat. Irgendwann habe ich mich dann darauf eingestellt: „Ja, ich muss auf meinen Rücken aufpassen. So ist das halt bei mir.“ Und so war es auch am Anfang hier beim Yoga, da hatte ich mich schon darauf eingestellt, dass ich rückenschonendes Yoga praktiziere. Deshalb habe ich mit der rückenschonenden Sequenz angefangen und diese auch eine Weile gemacht. Auf einmal habe ich irgendwann gemerkt: Jetzt habe ich Kraft im Rücken und eigentlich muss ich gar nicht mehr so sehr aufpassen. Das ist wirklich eine Befreiung! Das ändert so viel im Leben, ich kann mich jetzt bewegen wie ich will.

Melanie: Diese Vorsicht ist jetzt weg und Du weißt, dass Du einen Rücken hast, auf den Du Dich verlassen kannst. Du musst nicht mehr vorsichtig leben und hast ein Rückgrat, das Dich von hinten zuverlässig aufrichtet.

Lisa: Ja, und auch von vorne. Denn auch mein Bauch hält ja den Rücken mit.

Melanie: Spannend, das war also der praktische Einfluss, wobei der ja bereits eine psychologische Komponente hat.

Lisa: Ja klar, das entspannt auch den Kopf, wenn man nicht immer auf den Rücken aufpassen muss. Ein weiterer Einfluss ist eine Sache, die ich mir eigentlich bei den Leuten, die man hier so trifft, abgeguckt habe: Ich versuche, weniger skeptisch zu sein und Dinge einfach auszuprobieren. Früher habe ich wenn mir neue Ideen begegnet sind oft gedacht: „Oh, was da alles schief gehen kann. Das lass ich mal lieber.“ Heute denke ich eher: „Ja klar, lass uns das probieren!“ Ich bin jetzt nicht mehr ganz so zurückhaltend und nicht mehr so arg vorsichtig. Und dafür bin ich neugieriger darauf, was das Leben so bringt...

Melanie: Das wiederholt sich ja mit dem Vorsichtigen, mit den Händen, mit dem Rücken und auch mit neuen Ideen. Hast Du da ein Beispiel, wann Dir das passiert ist?

Lisa: Ich war mal zu Besuch bei der Familie meiner Schwester. Mehr aus Spaß fragte sie mich, ob ich nicht am Abend die Kinder ins Bett bringen würde, damit sie und ihr Freund ausgehen können. Die beiden Kinder, zwei und vier Jahre alt, hatte bis dahin außer den Eltern noch nie jemand alleine ins Bett gebracht. Ich habe ihr gesagt, klar, ich würde das probieren! Es hat super geklappt, die Handynummer für den Notfall haben wir nicht gebraucht. Und ich glaube, wir haben alle den Abend genossen, meine Schwester und ihr Freund, aber auch ich und die Kinder. Früher hätte ich das wahrscheinlich nur gemacht, wenn meine Schwester mich wirklich dringend gebeten hätte. Den Abend über hätte ich mir dann immer wieder Sorgen gemacht, dass die Kinder vielleicht ihre Eltern vermissen und anfangen zu weinen oder einfach nicht einschlafen. Sie wären wahrscheinlich tatsächlich auch nicht so gut eingeschlafen, weil sie meine Unsicherheit gespürt hätten.

Melanie: Das ist ja wirklich schön. Kannst Du vielleicht noch beschreiben, wie Du es geschafft hast, Yoga so regelmäßig in Dein Leben zu integrieren? Ich glaube, Du gehörst für das letzte Jahr zu unseren fleißigsten Übenden.

Lisa: Ich habe mal geschaut. Es waren 324 Mal im Jahr 2015! (lacht)

Melanie (lacht auch): Wow, ja ich muss auch noch mal nachschauen. Du scheinst irgendwie einen Weg gefunden zu haben, wie man sich das regelmäßige Üben in seinem Leben einrichtet. Kannst Du da anderen Tipps geben, wie sich das umsetzen lässt?

Lisa: Ich denke schon, dass es mir auch deshalb nicht schwergefallen ist, weil ich es vom Gitarre spielen bereits gewohnt war. Als Schülerin, als ich einen sehr kurzen Schulweg hatte, habe ich vor der Schule auch noch Gitarre geübt. Das ist das Eine. Das liegt mir irgendwie und ich stehe außerdem gerne früh auf. Gleichzeitig habe ich natürlich auch den „Luxus“, dass ich mir die Vormittags-Termine frei einteilen kann und da keine Arbeitstermine habe.

Melanie: Du bringst von der Gitarre die Disziplin mit. Im Yoga sagen wir dazu „Tapas“: Das ist mir wichtig, dem gebe ich jetzt jeden Morgen einen Platz.

Lisa: Ja, und vom Gitarre üben kenne ich auch schon das, was mir nun erneut beim Yoga begegnet. Je regelmäßiger man etwas macht, desto mehr Spaß macht es auch. Natürlich sind da auch manche Tage dabei, an denen es vielleicht „normal“ ist oder es nicht so viel Spaß macht – das passiert mir eigentlich fast nie – aber an denen zum Beispiel das Aufstehen schwierig ist oder an denen ich denke, heute atme ich irgendwie gar nicht richtig. Aber das kann ich dann auch so stehen lassen, denn ich denke mir in solchen Fällen: „Morgen mache ich es ja eh wieder!“.

Melanie: Das ist also auch ein Vorteil der Regelmäßigkeit, dass Du weißt, dass es morgen wieder eine neue Erfahrung auf der Matte gibt. Mit anderen Worten Du kennst den Vorteil des regelmäßigen Übens aus der Musik und hast es dann auch auf das Yoga übertragen und wusstest: „Das ist es wert regelmäßig zu tun.“

Lisa: stimmt zu

Melanie: Was machst Du, wenn der Wecker morgens klingelt und Du keine Lust hast aufzustehen? Passiert das und wie gehst Du mit solchen Fällen um?

Lisa: Ja klar, das passiert schon. Also manchmal bleibe ich noch kurz, etwa 10 Minuten liegen. Oder es passiert schon auch manchmal, dass ich denke: „Nein, heute gar nicht!“ und dann mache ich den Wecker ganz aus. Mir helfen aber auch die paar Minuten Fahrradfahren hierher ins AYI Ulm, weil ich dann nicht mehr so verschlafen bin und schon ein bisschen Bewegung hatte.

Melanie: Musstest Du generell Dein Leben für die frühe Morgenpraxis umstellen? Oder war Dein Rhythmus sowieso schon so?

Lisa: Also ganz so war mein Rhythmus nicht: Ganz so früh bin ich früher nicht aufgestanden. Aber ins Bett gehe ich eigentlich zur selben Zeit wie früher. Als Ausgleich baue ich jetzt manchmal einen Vormittags- oder Mittagsschlaf in meinen Alltag ein.

Melanie: Fein, da hast Du den Vorteil als Musikschullehrerin, dass Du Dir Deine Vormittage frei einteilen kannst. Dafür arbeitest Du ja am Nachmittag und Abend.

Lisa: Ja, oder am Wochenende (lacht). Und es ist schon auch so, dass ich jetzt etwas weniger Gitarre übe als früher.

Melanie: Ist das etwas, das Du bedauerst? Denkst Du, dass die Qualität Deiner Musik abgenommen hat? Oder ist es eher so, dass das Yogaüben auf andere Weise ausgleicht wie Du musizierst?

Lisa: Ich bedauere es nicht, weil mein Studium doch eine sehr intensive Gitarrenphase war. Ich denke, es ist gut, wenn man im Leben solche Phasen hat. Vielleicht kommt auch einmal wieder eine Phase, in der ich nicht so viel Yoga mache und dafür wieder mehr Gitarre oder etwas anderes. Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass mir Yoga insgesamt so viel bringt, dass ich es nicht bedauere, etwas weniger Zeit für die Gitarre zu haben.

Melanie: Ok, es hat alles seine Zeit und jetzt ist gerade Yoga intensiver dran und das, was auf Deinem Entwicklungsweg aktuell stimmig ist.

Noch eine andere Frage: Du bist ja Gitarrenlehrerin und möchtest auch Yogalehrerin werden. Wie kann man jemand anderem das regelmäßige Üben beibringen, wenn er dafür vielleicht nicht so sehr „naturbegabt“ ist wie Du? Hast Du hierfür vielleicht Ideen aus der Musik oder wie ein Yogalehrer das Schülern näher bringen kann?

Lisa: Bei meinen Schülern sage ich den Eltern, die Kinder sollen jeden Tag die Gitarre einmal auspacken und spielen. Aber das Kind darf bestimmen, wie lange es spielen möchte. Das mache ich so, weil ich den Kindern wünsche, dass sie merken: „Je mehr ich Gitarre spielen darf, desto mehr Spaß macht es.“ Und jetzt beim Yoga: Ich bin schon manchen begegnet, die einfach für ein paar Sonnengrüße hierher ins AYI Ulm kommen. Vielleicht weil sie früh zur Arbeit müssen und nicht mehr Zeit haben, aber sie kommen und üben für eine halbe Stunde.

Melanie: Also würdest Du anderen empfehlen: „Komm, jeden Tag, selbst wenn es nur eine halbe Stunde ist!“ Und Du würdest darauf vertrauen, dass das tiefere Durchdringen der Praxis von alleine dazu führt, dass der Übende Lust bekommt mehr zu üben?

Lisa: Ja, auf jeden Fall! Wobei ich jetzt manchmal über zwei Stunden übe. Dann ist mir mein Pausentag schon sehr wichtig.

Melanie: Das denke ich auch. Traditionell wird Ashtanga Yoga an 6 Tagen in der Woche praktiziert. Wann machst Du Deine Pausentage?

Lisa: Meistens Samstags und Montags. Wenn ich am Wochenende weg bin, ist auch mal der Sonntag frei.

Melanie: Jetzt bist Du auch bei der AYI® Inspired Yogalehrerausbildung in Ulm dabei. Was versprichst Du Dir davon? Was sind Deine Ziele bei der Ausbildung? Möchtest Du später auch als Yogalehrerin arbeiten?

Lisa: Ich wünsche mir, alles, was ich bereits gelernt habe, noch zu vertiefen. Zum Beispiel habe ich schon das Alignment zu Schulter und Arm gelernt und das bringt einen neuen Aspekt mit in die Praxis. So etwas finde ich spannend und davon möchte ich gerne mehr lernen. Ich leite auch den Kirtan bzw. das Chanting am Freitag Abend und möchte gerne mehr über die Bedeutung der Mantren erfahren. Ich würde mich freuen, wenn ich beim Kirtan noch ein paar Sätze zu den Mantren und ihrem philosophischen Hintergrund sagen könnte. Und ja, ich möchte auch Asthanga Yoga Innovation insgesamt weitergeben. So ist es mit der Gitarre eigentlich auch. Ich habe lange hauptsächlich für mich selbst gespielt und seit 2 bis 3 Jahren bekomme ich zunehmend Spaß am Unterrichten. Mich interessiert, wie ich die verschiedenen Inhalte am besten transportieren kann – und das interessiert mich beim Yoga auch. Da denke ich zum Beispiel manchmal an meine Mutter, die altersbedingt etwas in ihrer Bewegung eingeschränkt ist. Da überlege ich dann: „Wie könnte ich ihr mit Yoga noch zu mehr Lebensqualität verhelfen?“

Melanie: Du hast gerade erzählt, dass Du bei uns im AYI Ulm auch den Kirtan list. Für diejenigen, die bisher noch nicht da waren: Kannst Du kurz beschreiben, was Ihr genau macht und worum es konkret geht?

Lisa: Wir singen zu Gitarre und Harmonium. Hauptsächlich Mantren, aer auch ein paar andere schöne Lieder. Manche Yogis kommen öfter und kennen dann schon alle Lieder. Es kann aber jeder kommen und mitsingen, wie sie/er möchte. Oder auch gar nicht mitsingen und nur zuhören. Auch wenn jemand schräg singt, brummt oder überhaupt nicht singt, jeder ist willkommen. Gerade das ist spannend. Es gibt immer einer andere Dynamik, sowohl atmosphärisch als auch musikalisch.

Melanie: Was ist für Dich dabei die Essenz? Was hat das Singen am Freitag mit dem Yoga auf der Matte zu tun?

Lisa: Eigentlich ist das auch wieder alles das Gleiche. Das Fließende und der Ablauf. Die Mantren bestehen aus kurzen Abschnitten, die oft wiederholt werden.  Meistens fangen wir eher langsam und leise an und werden dann immer schneller und lauter. Als Leiterin führe ich dann den Übergang bzw. das Wieder-Ruhig-Werden an. Manchmal passiert das aber auch ganz von alleine.

Melanie: Also eine Art Rhythmus oder Dramaturgie. Wie fühlt man sich danach?

Lisa: Also ich habe meistens ein Lächeln im Gesicht. Eigentlich sind es sehr einfache Melodien. Für mich steht da nicht der musikalische Anspruch im Mittelpunkt, sondern das Gemeinsam-Musik-Machen hat einen großen Wert.

Melanie: Das kam jetzt bereits ein paar Mal. Es ist also auch die Gemeinschaft, die Du im Yoga schätzt, etwa das gemeinsame Atmen am Morgen oder die Lebenshaltung der anderen Menschen hier zu erleben?

Lisa: Ja, ich finde schon. Zum Beispiel übe ich seit ich in Mysore komme auch eher ungern allein zu Hause, obwohl ich das am Anfang die ganze Zeit (außer einmal in der Woche) gemacht habe. Da merke ich schon, dass es mit gut tut, gemeinsam mit anderen Yoga zu machen. Und auch das gemeinsame Singen tut gut.

Melanie: Es ist also die geteilte Energie, die gut tut.

Lisa: Ja, genau! Zum Singen wollte ich noch sagen, dass ich mich am Anfang sehr gefreut habe, als ich gehört habe, dass Holger Kirtan anbietet. Da kamen meine beiden Leidenschaften, Musik und Yoga, quasi zusammen. Ich habe mir nur etwas Sorgen gemacht, dass es mir vielleicht etwas zu spirituell sein könnte. Dann habe ich aber gemerkt, dass es darauf überhaupt nicht ankommt. Jetzt, wo ich den Kirtan selbst gemeinsam mit Uli leite, finde ich, jeder kann mitsingen, was man dabei empfindet und auf welche Weise, das ist jedem selber überlassen. Auf das Zusammensein kommt es an.

Melanie: Ja, schöner Gedanke. Also jeder darf so sein wie er ist. Das Wesentliche im Yoga: zu erleben, dass ich so sein darf, wie ich bin und Du so sein darfst, wie Du bist. Danke Dir für das Interview!''

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