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Die Faszination des Atems: Physiotherapeut und AYI Lehrer Ulrich Schäfer über die Wirkung von atemgeführter Bewegung. Und das Potenzial dieser bewegten Meditation in Sport, Therapie und dem alltäglichem Leben.

Sabine: Sport-Leistungskurs in der Schule, langjährige Wettkampferfahrung im Kajak-Fahren, Skifahren, Volleyball, Laufen Sport scheint in Deinem Leben schon immer eine Rolle gespielt zu haben. Wie und wann kam Yoga dazu?

Ulli: Sport und Bewegung sind in meinem Leben essentiell. Ohne Sport bin ich schlecht gelaunt. Zum Yoga kam ich 1996 in der Ausbildung zum Physiotherapeuten. Wir haben uns damals mit Bewegungsformen wie Qi Gong, Tai Chi und eben auch Yoga auseinander gesetzt und uns auch ausgiebig mit den verschiedensten Meditationstechniken beschäftigt. Damals ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass das monotone Kilometerschrubben beim Kajaktraining oder das ballfixierte Wiederholen von Volleyballspielzügen meine ersten meditativen Erlebnisse waren. Meditation und Yoga haben mich damals so gefesselt, dass ich seitdem regelmäßig meditiere und mein Yoga praktiziere.

Sabine: Hat sich Deine eigene Praxis über die Jahre verändert? Du legst heute, wie ich weiß, z. B. viel Wert auf regelmäßiges Pranayama. War das schon immer so?

Ulli: Yoga war lange ein zwar regelmäßiger, gleichzeitig aber trotzdem Nebenbestandteil in meinem Leben. Heute ist der Yoga für mich zu einem existenziellen Fixpunkt geworden. Lange habe ich die Asanas autodidaktisch eher wie eine Gymnastik mit Konzentration auf die Atmung geübt. Später kamen viele therapeutische Anteile von Roque Lobo und auch philosophische Ansätze des Buddhismus und Hinduismus dazu. Pranayama wurde für mich nach dem Überleben des Tsunamis in Thailand ein sehr wichtiger Bestandteil der Praxis. Es hat mich auch durch einzelne sehr stressige und anstrengende Phasen wie etwa die Zeit meiner Physiopraxisgründung oder einzelne Abschnitte der Heilpraktiker- und Osteopathieausbildung getragen. Das regelmäßige Atmen und meine regelmäßige Asanapraxis haben mich an vielen Stellen vor dem Kollaps bewahrt.

Sabine: Du hast Dich 2014 dazu entschieden, nicht mehr „nur“ für Dich zu praktizieren, sondern mit der AYI® Inspired Ausbildung angefangen, die Du aktuell mit AYI® Advanced fortsetzt. Was waren Deine Beweggründe dafür? Warum hast Du Dich ausgerechnet für eine Ausbildung bei AYI® entschieden?

Ulli: Ausschlaggebend war die Faszination, die von der Verbindung der Bewegung mit der Atmung ausging. Diese hat mir sofort gezeigt, wie sehr Anstrengung und Stress sich auf die Atemqualität und den Gemütszustand auswirken. Die Exaktheit und die anatomisch korrekte Ausführung bei AYI hat genau meinen Nerv getroffen. Weiterhin bietet das AYI System Möglichkeiten für Sportler genauso wie für Kinder oder Senioren, was für mich die Anwendungsmöglichkeiten in meinem Beruf erweitert. Inzwischen habe ich auch viel Freude daran, sehr nahe mitzubekommen, wie sehr das System, obwohl es gut verwurzelt ist, trotzdem im Fluss ist.

Sabine: Du hast nach Deinem AYI® Inspired Abschluss sehr schnell damit begonnen, in nachfolgenden Ausbildungsgruppen bei der Praxis zu assistieren. Hat sich die Qualität Deiner eigenen Praxis dadurch auch noch einmal verändert?

Ulli: Es war für mich das höchste Geschenk und die größte Ehre, bei Ralph in der Ausbildung in der Praxis adjusten zu dürfen. Es ist eine grandiose Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren, seinen Blickwinkel zu erweitern und ein kleiner Teil in einer gemeinschaftlich übenden Symbiose zu sein. Ich kann nur jedem Yogi in der Lehrerausbildung raten: Helft beim Adjusten! Es wird eure eigene Übungspraxis verändern, festigen, neu inspirieren und vielleicht auch zeigen, welch heiliges Geschenk es ist, andere Menschen berühren zu dürfen!

Sabine: Ich glaube, es ist offensichtlich, dass Du den Yoga inzwischen wirklich lebst. Gleichzeitig bist Du weiterhin allerdings auch noch in anderen Sportarten aktiv und betreust beispielsweise seit vielen Jahren eine Volleyball-Damenmannschaft. Hat sich Dein Yoga-Weg auch auf Deine Art zu coachen ausgewirkt?

Ulli: Ich bin nicht mehr so verbissen. Es geht mehr um die Freude an der gemeinsamen Freizeitgestaltung mit Freunden und darum, gemeinsam etwas zu lernen. Trotzdem bin ich zum Glück immer noch nervös, wenn ich als Coach auf der Bank sitze. Und gewinnen tue ich immer noch lieber als verlieren, aber immer gelassener und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Die Gelassenheit überträgt sich auch leichter auf meine Spielerinnen.

Sabine: Du hast vorhin schon erwähnt, dass Yoga auch für Dich im Beruf als Physiotherapeut eine Rolle spielt und Dir beispielsweise geholfen hat, stressige und fordernde Situationen gut zu meistern. Setzt Du Yoga auch im Rahmen Deiner Arbeit mit Patienten ein?

Ulli: Yoga spielt eine sehr große Rolle. Ich bringe meinen Patienten nur noch Übungen bei, die in Verbindung zur Atmung stehen. Thai-Massage beispielsweise ist wie Yoga für Faule. Wenn ich bei der Thai-Massage jemanden bewegen möchte, geht das wirklich nur in Kombination mit der Atmung gut. Gleiches gilt bei der Mobilisation der Faszien. Auch hier erleichtert eine Achtsamkeit auf die Atemrhythmen des Körpers die Behandlung. Gleichzeitig hat der Yoga mich gelehrt, tief gelassen durch meine Atmung zu mir zu kommen, achtsam sein zu können, ohne mich selbst zu stark energetisch zu belasten oder aussaugen zu lassen. Yoga gibt mir die nötige Bodenhaftung, täglich Menschen zu helfen und sie begleiten zu dürfen. Er schafft für mich die Verbindung zwischen Herz und Verstand.

Sabine: Stichwort Thai-Massage. Deine Ausbildung fand direkt in Thailand statt. Gibt es Deiner Ansicht nach einen Unterschied, was die Ausbildung in Deutschland und in Thailand betrifft? Gerade auch im Hinblick auf den Aspekt der Ganzheitlichkeit?

Ulli: In Deutschland lernt man erst einmal alles auswendig, ohne es zu begreifen, weil man ja bloß nichts falsch machen möchte. Am besten diskutiert man dann noch stundenlang über Lösungsansätze, ohne irgendetwas begriffen zu haben. In Thailand habe ich zuerst praktisch die Massage am ganzen Körper gelernt, dann folgten Meridiane, die Namen von Akupressur-Punkten, anatomische und physiologische Hintergründe. Meine Sicht: Auch wer sich irgendwann zu einem Arzt weiterentwickelt, hat zuerst ein Handwerk gelernt. Bei der Herangehensweise, die in Thailand praktiziert wird, muss ich erst einmal ein eigenes Gespür und Eigenverantwortung entwickeln. Arbeite ich aufmerksam, handle ich achtsam. Zudem ist es dort so, dass Du als fortgeschrittener Schüler sehr schnell in die Ausbildung von Anfängern integriert wirst. Das fördert Dein Reifen enorm und lässt Dich Dein Wissen hinterfragen lässt.

Die Basis jeder Behandlung in Thailand ist die Achtung des Anderen als Teil des Göttlichen. Es ist die höchste Ehre, einen Menschen berühren zu dürfen. Die Behandlung ist zu allererst ein religiöser und energetischer Akt. Ähnliches trifft sicher auch auf die Aufgaben eines Yogalehrers zu. Hier ergibt sich aus meiner Sicht eine sehr gute Verbindung der beiden Bereiche.

Sabine: Als Physiotherapeut mit langjähriger Praxiserfahrung bist Du mit anatomischen Grundlagen wie Muskelgruppen oder dem Zusammenspiel von Gelenken bestens vertraut. Hier gibt es für Dich also vermutlich nicht mehr allzu viel Neues zu lernen. Warum sind die MTCs auch für Dich als Physio trotzdem noch spannend?

Ulli: Die MTCs lassen mich vieles von dem, was ich als Physio gelernt habe, noch einmal aktiv hinterfragen. Bisher immer mit dem Ergebnis, dass alles, was ich bei AYI lerne, funktioniert und wissenschaftlich fundiert erscheint. Ich habe vieles als Sportler gemacht, weil es mir jemand so beigebracht hat. Bei den MTCs übe ich selbst und kann erfahren, wie mein Körper auf Adjustment und Alignment reagiert und wie groß der Zusammenhang zwischen Bewegung, Haltung und Atmung ist. Bei allen MTCs hatte ich hinterher einen neuen Baustein, mit dem ich mein Yoga-Haus weiter aufbauen, verändern, erneuern oder erweitern kann. Immer ein paar Schritte weiter auf dem Weg.

Sabine: Das ist schön zu hören! Drehen wir ganz zum Schluss den Spieß noch einmal um – gibt es eine Frage, die Du schon immer einmal gerne an Ronald oder das AYI® Team gestellt hättest?

Ulli: Was mache ich, wenn ich mit der Ausbildung fertig bin?

Sabine: Ich glaube, diese Frage kann ich Dir sofort beantworten. Regelmäßiger Teilnehmer der jährlichen Expert Convention werden natürlich! Vielen lieben Dank für Deine Zeit und diesen ganz persönlichen Einblick in Deine Arbeit und Deinen Weg zum und mit dem Yoga!