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Tradition

Auf eine legendäre Ahnenreihe blickt die Ashtanga-Tradition zurück: Von Patanjali über Vamana Rhishi und Krishnamacharya bis hin zu BNS Iyengar und Pattabhi Jois - eine uralte Yoga-Tradition mit erfrischender Lebendigkeit im Heute.

Sri K. Pattabhi Jois und die Yoga Mala

Als Krishnamacharya dann Mysore verließ, übergab er an seinen ältesten Schüler, Sri K. Pattabhi Jois.

Wenig später begann Pattabhi Jois ein Buch über das Übungssystem zu schreiben. Die „Yoga Mala“ entstand zwischen 1958 und 1960. „Mala“ heißt Girlande und weist auf die im Ashtanga Yoga perlengleich auf einer Girlande aus Atem und Bewegung aufgereihten Positionen hin. 1962 wurde das Buch von einem seiner Schülern, einem Kaffeeplantagenbesitzer aus Coorg, veröffentlicht. Die erste englische Übersetzung wurde 1999 von Eddie Stern, einem alten Schüler von Pattabhi Jois, in den USA herausgebracht. Bis heute ist das Buch eine Referenz für die Praxis. Es ist ein Zeugnis, wie die Tradition unverändert durch die Zeiten fortbesteht. Es war schon da, bevor der erste Westler (der Belgier Andre van Lysbeth) im Jahr 1964 Pattabhi Jois aufsuchte um von ihm Yoga zu lernen. Es war da, bevor Ashtanga Yoga in tausenden von Yogaschulen des Westens zelebriert wurde.

Sri K. Pattabhi Jois unterrichte sein ganzes Leben, bis er am 18.Mai 2009 diese Welt verließ, so betonte er immer wieder, genau das, was er von seinem Guru Sri T. Krishnamacharya gelernt hat. Im Jahr 1927 traf er seinen Lehrer und studierte bei ihm mehr als 25 Jahre lang das Ashtanga Yoga.

BNS Iyengar

Während sich Sri K. Pattabhi Jois auf die Weitergabe des Ashtanga Vinyasa Systems konzentrierte, hat BNS Iyengar, ebenfalls direkter Schüler von Krishnamacharya, die Ashtanga Tradition durch das Lehren von Pranayama, Mudra und Meditation fortgesetzt. Jois und Iyengar waren zur gleichen Zeit Schüler von Krishnamacharya in Mysore. Als dieser die Stadt verließ, übergab er die Lehre des Ashtanga in die Hände seines ältesten und erfahrensten Schüler, Sri K. Pattabhi Jois. Dieser unterrichtete fortan an der Universität von Mysore. Im Jagamohan Tempel, einem Vaishnava-Tempel in dem auch Krishnamacharya unterrichtet hatte, führte BNS Iyengar, wie Krishnamacharya ebenfalls ein Vaishnava, die Tradition des Unterrichtens fort – und das bis zum heutigen Tag!

Krishnamacharya

Wenn man die Ashtanga Yoga Tradition von Pattabhi Jois und BNS Iyengar aus einen Schritt weiter zurückverfolgt, stößt man auf Sri Tirumalai Krishnamacharya. Dieser große Weise und Yogi bereiste den Himalaya um das Jahr 1916, um Yoga zu lernen. Dort traf er seinen Guru Sri Ramamohan Brahmachari und verbrachte siebeneinhalb Jahre bei ihm. Er studiert in dieser Zeit das Ashtanga Yoga System. Dieses gab er ab 1933 zuerst in Mysore, später in Madras an viele indische und westliche Schüler weiter. Zu den Bekanntesten zählen neben Sri K. Pattabhi Jois und BNS Iyengar, Indra Devi, BKS Iyengar und sein Sohn TKV Desikachar. Die von diesen Meistern geprägten Yogastile stammen also aus einer Familie. Ihre Vertreter waren nur zu unterschiedlichen Zeiten Schüler bei dem großen Meister Krishnamacharya. Die traditionelleste und ursprünglichste Form seines Yoga gab Krishnamarchaya in Mysore weiter, das Ashtanga Yoga. In Madras wandelte sich sein Stil und wurde schließlich zum Vini-Yoga. Doch der Ursprung verbindet das Ashtanga- mit dem Vini- und Iyengar-Yoga.

Yoga Korunta und Vamana Rhishi

Eines der wichtigsten Bücher im Studium Krishnamacharyas bei Ramamohan war die „Yoga Korunta“. Dieses hatte er nach der alten Tradition, nach der die wichtigen philosophischen Texte mündlich vom Meister zum Schüler weitergegeben werden, von ihm auswendig gelernt. Beim Abschied von seinem Guru im Jahr 1924 bekam er von diesem den Auftrag, das Buch zu suchen. Nach größter Anstrengung fand er schließlich eine Abschrift in der Universitätsbibliothek von Calcutta. Unglücklicherweise wurde das Buch wenig später von Ameisen schwer beschädigt und es war Krishnamacharya nicht möglich, es zu erhalten. So mag es heute unmöglich sein, seine Authentizität zu beweisen. „Korunta“ bedeutet „Gruppe“ und es wird gesagt, dass sein Text die exakte Gruppierung der Asanas enthielt. Alles über Vinyasa, Bandha, Dristhi, Asana und alle 6 Serien, wie sie bis heute unterrichtet werden, soll es enthalten haben. Die „Yoga Korunta“ formt so die Grundlage des Asana Vinyasa Systems des Ashtanga Yoga. Die „Yoga Korunta“ wird dem Weisen Vamana Rishi zugeschrieben. Es wird gesagt, dass er geboren wurde, als Ashtanga Yoga fast vergessen wurde und ein Weiser nötig war, um es der Menschheit zurückzubringen. Vamana Rishi inkarnierte sich eigens für diese Aufgabe. Als er schon im Mutterleib war, fiel ihm auf, dass er selbst vom Ashtanga Yoga keine Ahnung hatte. Also meditierte er zu Vishnu, er möge ihm helfen. So kam es, dass Vishnu ihm im Mutterleib das Ashtanga Yoga System beibrachte. Nachdem neun Monate vorüber waren, hatte Vamana noch nicht den ganzen Lernstoff durch. Der Legende nach weigerte er sich geboren zu werden, bis er seine Studien des Ashtanga Yoga beendet hatte.

Yoga Sutra und Patanjali

Die philosophische Grundlage des Ashtanga Yoga findet sich in einem anderen Buch, dem „Yoga Sutra“. Dieses ist nicht schwer zu finden. Es ist in vielen Übersetzungen mit Kommentaren erhältlich. Der westliche Indologie zufolge wurde das „Yoga Sutra“ zwischen 400 vor und 200 nach Christus geschrieben. Die Hindu Mythologie datiert es um ein vielfaches früher, um 10 000 vor Christus. Das „Yoga Sutra“ ist der wichtigste Text des klassischen Yoga. Der Autor, Patanjali, sammelte und systematisierte die existierenden Techniken und das Wissen seiner Zeit in diesem Werk. Das Yoga Sutra definiert Yoga als „das zur Ruhe bringen der Gedanken“ (yogas chitta-vritti-nirodha). Erst mit einem ruhigen Geist kann die wahre Natur des Seins erkannt werden. Um dieses Ziel zu erreichen beschreibt Patanjali einen Weg aus acht Stufen:

  1. Yama (Umgang mit anderen)
  2. Niyama (Umgang mit sich selbst)
  3. Asana (Position)
  4. Pranayama (Atemkontrolle)
  5. Pratyahara (Fasten mit den Sinnen)
  6. Dharana (Konzentration)
  7. Dhyana (Meditation)
  8. Samadhi (Selbsterfahrung)

Dieser achtfache Weg, dessen Ziel die Ruhe der Gedanken im Geist ist, ist der Namenspatron des Ashtanga Yoga: ashta = Acht, anga = Glieder, Yoga = Ruhe des Geistes Patanjali, der Autor des „Yoga Sutra“, wird als eine Inkarnation von Adisesa, der mythologischen Schlange, die Lord Vishnu beschützt, verstanden. Lord Vishnu schläft auf ihr im Ozean des Daseins. Patanjali wurde von einer Frau namens Gonica geboren. Sie war eine sehr ernsthafte Yogini. Als sie ein Gebet dem Sonnengott Surya darbot, erschien eine kleine Schlange in ihren Händen und nahm menschliche Form an. Gonica wurde gebeten den Knaben als ihren Sohn anzunehmen. Sie folgte diesem Wunsch und nannte ihn Patanjali, was eine Beschreibung seiner Geburtsumstände ist: „gefallenes Gebet“ (pata = fallen; anjali = Gebet).

Vedas und die Rhishis

Die Wurzeln des Vinyasa Systems aus dem Ashtanga Yoga können jedoch noch viel früher gefunden werden. Sie reichen zurück zum ersten geschriebenen Dokument der Menschheit, den Vedas. Insgesamt gibt es vier Vedas: Die Rig-Veda, die Yajur-Veda, die Sama-Veda und die Atharva-Veda. Zwei davon beinhalten Hinweise auf die Ashtanga Vinyasa Yoga Praxis und im Speziellen auf das Vinyasa System. Das zuerst geschriebene ist die Rigveda, welche traditionell auf das Jahr 8000 vor Christus datiert wird. Die Yajurveda ist jüngeren Datums, aber immer noch ein sehr alter Text. In beiden findet man Erklärungen über das Bewegen und Atmen, speziell im Surya Namaskara. Die physischen und spirituellen Wirkungen werden detailliert beschrieben. Die Yajurveda enthält das Aruna Mantra, das den Vinyasa Count des Surya Namaskara A auf neun setzt. Im Maha Saura Mantra aus der Rigveda wird der Vinyasa Count von Surya Namaskara B bis siebzehn durchgezählt. Derselben Zählweise folgt die Ashtanga Vinyasa Tradition für Surya Namaskara A und B bis heute.