Im zweiten Kapitel der Hatha-Yoga-Pradipika von Svatmarama „Dvitiyo Padeshah“ erfährst du alles rund um Pranayama, Kumbhaka und Sat-Kriya bzw. Sat-Karma.

Hatha Yoga Pradipika

dvitiyo-padeshah

Satz 31

atha tratakam-"
niriksen nischala-drisha suksma-laksyam samahitah |"
ashru-sampata-paryantam acharyais tratakam snritam ||31||

अथ त्राटकम्"
निरीक्षेन् निश्चलदृशा सूक्ष्मलक्ष्यं समाहितः ।"
अश्रुसम्पातपर्यन्तम् आचार्यैस् त्राटकं स्मृतम् ॥३१॥

atha trāṭakam-"
nirīkṣen niścala-dr̥śā sūkṣma-lakṣyaṁ samāhitaḥ ।"
aśru-sampāta-paryantam ācāryais trāṭakaṁ smr̥tam ॥31॥

Nun die Augenreinigung (Trataka):
Achtsam soll der Yogi mit starrem Blick auf einen kleinen Punkt blicken |
Bis Tränen entstehen. Dieses wird von den Meistern die Augenreinigung (Trataka) genannt. ||31||


atha = nun, jetzt
trāṭakam = Trataka, die Augenreinigung

nirīkṣet = Er soll blicken
niścala = starr, unbeweglich, ruhig
dr̥śā = Blick
sūkṣma = klein, dünn, winzig
lakṣyam = Punkt, Markierung
samāhitaḥ = achtsam, konzentriert, mit großer Aufmerksamkeit

aśru = Tränen
sampāta = entstehen, erscheinen
paryantam = bis
ācāryaiḥ = von den Meistern
trāṭakam = Trataka, die Augenreinigung
smr̥tam = wird genannt

Interessant ist, dass Heute Trataka oft (z.B. in der Shivananda-Tradition) mit einem Blicken auf eine Kerzenflamme gelehrt wird. In den alten Büchern des Hatha-Yoga findet sich hierüber keine Beschreibung.

Ich erinnere mich mit schmunzeln, wie BNS Iyengar mich Trataka lehrte: Er erklärte, der Blick solle auf einen schwarzen Punkt auf weißem Grund gerichtet sein. Dann erklärte er: "Ich habe eine Übungstafel dafür" und begann im Raum danach Ausschau zu halten. Er wühlte in diversen Ablagen und Schränken umher, doch konnte die gefundene Tafel nicht finden. Schließlich kam er mit einem dunklen Holzbrett und verkündete stolz: "ein weißer Hintergrund … mit schwarzem Punkt." Doch der schwarze Punkt fehlte genauso, wie der weiße Hintergrund. Also nahm er kurzerhand eine herumliegende Knetmasse und klebte sie in die Mitte auf das Brett. BNS Iyengar war zufrieden, - und ich auch. So übte ich Trataka mit einem "schwarzen" Punkt auf "weißen" Hintergrund.
Der Blick auf eine Kerze gehörte bei BNS Iyengar zu den Techniken der Mediation. Allerdings war hier die Ausführung insgesamt sehr verschieden vom Trataka. Doch das ist eine andere Geschichte.

In der Yuktabhavadeva finden sich weitere interessante Aspekte zu Trataka. Je nach Blickrichtung werden 3 Formen unterschieden:

  • Bhuchari,
  • Agochari,
  • Khechari

Wenn das Objekt der Konzentration unterhalb der Nasenspitze liegt, dann wird dieses Trataka Bhucari genannt. Bei Kechari ist der Blick der Konzentration zwischen die Augenbrauen in die Ferne gerichtet, wie der Blick auf Sonne, Mond oder Himmel. Agochari richtet den Blick auf die Nasenspitze selbst. Diese Technik verleiht "Niśvāsa bhāsikā śakti" was im Text als die Fähigkeit beschrieben wird, die Lebensenergie im inneren Vollmond fortwährend zu sehen.
In der Yogakundalini Upanishad werden ganz analog drei Blickrichtungen in Verbindung mit Khechari-Mudra erklärt. Auch hier wird der Bezug zum Mond hergestellt. Shambhavi-Mudra ähnelt Trataka in der Kechari Ausführung, da auch hier der Blick zwischen die Augenbrauen gerichtet ist. Wir können hier einen Bezug zwischen Trataka und Khechari- / Shambhavi-Mudra erkennen.

Eine andere Interpreteation der drei Blickrichtungen für Trataka findet sich in den Namen aus der Yuktabhavadeva selbst: Mit Bhuchari, Agochari und Khechari sind Yoginis oder Nymphen benannt. Diese übernatürlichen Wesen, von halb göttlicher Herkunft, fliegen, so die Vorstellung, durch die Luft, leben in Bäumen und trinken in die Lebenskraft von Männern im Schlaf. Sie symbolisieren auch die Energie des Universums. Überall in Indien finden sich, zur Verehrung der ein oder anderen Yogini, noch Heute einsame Tempel ohne Dach. So können diese übernatürlichen Wesen von oben in den Tempel hin einfliegen. Sie können als Personifizierung der universalen Energie verstanden werden. Ihre Namen werden gelegentlich übersetzt mit:

  • Bewegende auf der Erde
  • Bewegende im Feld der Wahrnehmung
  • Fliegende