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Yoga Sutra

Das zweite Kapitel das Yoga Sutra nach Patanjali liefert Anweisungen für die Übungs-Praxis - Sadhana Pada.

Sadhana-Pada

Satz 4

avidya ksetram-uttaresham prasupta-tanu-vichchhinn-odaranam ||4||

अविद्या क्षेत्रमुत्तरेषाम् प्रसुप्ततनुविच्छिन्नोदाराणाम् ॥४॥

avidyā kṣetram-uttareṣām prasupta-tanu-vicchinn-odārāṇām ॥4॥

Mangelnde Erkenntnisfähigkeit (Avidya) ist der Acker für die übrigen Kleshas (Bürden). Avidya kann schlummernd, keimend, ausgewachsen oder übermächtig sein. ||4||


avidyā = (nom. sg. f.) Unwissenheit, Verwechslung, Mangel an Erkenntnisfähigkeit
kṣetram = (acc. sg. n. / nom. sg. n. von kṣetra) Acker, Feld, Quelle
uttareṣām = (g. pl. m. / g. pl. n. von uttara) die Folgenden, die Weiteren
prasupta = (iic.) schlafend, latent, schlummernd
tanu = (acc. sg. n. / nom. sg. n.) schwach, ausgedünnt, keimen, jung
vicchinnā = (nom. sg. f) ausgewachsen, stark
udāra = (g. pl. m. / g. pl. n. / g. pl. f.) mächtig, übermächtig, riesig
āṇām = von all diesen

Patañjali beschreibt in seinem Yoga Sūtrāni fünf Bürden (Kleśa), die dem spirituellen Aspiranten den Weg erschweren. Avidyā wird von den fünf Bürden als erste genannt, denn sie ist die Grundlage für alle weiteren.

Egal wie lange wir also Yoga praktizieren, immer werden wir uns mit Avidyā auseinandersetzen. Avidyā kann in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich ausgeprägt sein und im besten Fall in einem schlummernden Zustand vorliegen. Selbst bei einem erfahrenen Yogi kann es jederzeit aus seinem latenten Stadium wieder erwachen und ihn dominieren. So kommt es vor, dass manchmal auch weise Menschen in manchem Bereich von Avidyā beherrscht werden.
Ich erinnere mich an eine Episode mit meinem geachteten und geliebten Lehrer B.N.S Iyengar. Iyengar referierte über Yoga-Philosophie. Als das Thema „Die Rolle der Frau in der Gesellschaft“ angesprochen wurde, erklärte Iyengar:

„Women are property“

(Frauen sind Besitztum).

Meine Kommilitonin war entsetzt. Sie begann eine erbitterte Diskussion. Iyengar pflichtete ihr auch bei, dass viele Frauen intelligenter sind als Männer und natürlich eigenständig denken. Aber Frauen als etwas anderes als Besitztum zu sehen, war ihm dennoch nicht möglich:

„Look, first you are a child, then you are the property of your father. When you get married, you become the property of your husband. If you get widowed, you become the property of your sons”.

(Schau her, zuerst bist du ein Kind, da gehörst du deinem Vater. Dann heiratest du, da gehörst du deinem Ehemann. Falls du zur Witwe wirst, gehörst du deinen Söhnen.).

Für die nächsten Stunden drehte sich die Diskussion nur noch um dieses Thema. Iyengar, als alter Mann, konnte sich die Rolle der Frau gar nicht anders vorstellen. Meine Kommilitonin, eine junge Yoga-Lehrerin aus Amerika, verstand im Gegensatz dazu nicht, wie ein Mensch, der sich so lange mit der Philosophie und Yoga beschäftigt hatte, in diesem Punkt von seiner veralteten Anschauung nicht loslassen konnte. Ich sah in beiden die Manifestation von Avidyā. Ein Mangel an Erkenntnisfähigkeit, der sich bei beiden, sonst weisen Menschen, just in diesem Bereich manifestierte. Beide konnten sich auf Grund der großen kulturellen Unterschiede und zeitlichen Hintergründe nicht verstehen.

Als Yogin versuchen wir, uns immer der Möglichkeit bewusst zu bleiben, dass wir jederzeit von Avidyā getäuscht werden könnten. Beobachten wir uns nicht achtsam genug, so kann selbst aus dem schlummernden Zustand die mangelnde Erkenntnisfähigkeit wieder erwachen und uns vollkommen dominieren.