×
Yoga Sutra

Das zweite Kapitel das Yoga Sutra nach Patanjali liefert Anweisungen für die Übungs-Praxis - Sadhana Pada.

Sadhana-Pada

Satz 15

parinama tapa sanskara duhkhaih guna-vritti-virodhachcha duhkham-eva sarvam vivekinah ||15||

परिणाम ताप संस्कार दुःखैः गुणवृत्तिविरोधाच्च दुःखमेव सर्वं विवेकिनः ॥१५॥

pariṇāma tāpa saṁskāra duḥkhaiḥ guṇa-vr̥tti-virodhācca duḥkham-eva sarvaṁ vivekinaḥ ॥15॥

Leiden entsteht durch Anhaften an vergehendes (Parinama) oder nicht existentes (Tapa) oder durch den unendlichen Prozess von Ursache und Wirkung (Samskara), schon die ständige Wandlung der Natur (Guna-Vritti) führt zu Leiden.
Für den Unterscheidungsfähigen Menschen (Vivekina) ist das Leiden (Duhkha) allgegenwärtig.||15||


pariṇāma = Anhaften an Veränderung, Wandel
tāpas = Sehnsucht, Verlangen
saṁskāra = Prägungen, Neigungen
duḥkhaiḥ = (nom. von duḥkha) Schmerz, Leid
guṇa = drei Grundeigenschaften der Materie, Natur
vr̥tti = Welle, Gedankenwellen, Schleier, Vorurteil, Trübung
virodhā = Widerspruch, Konflikt
ca = und
duḥkham = (acc. von duḥkha) Schmerz, Leid
eva = nur, eben
sarvaṁ = alles, überall, immer
vivekinaḥ = (nom. von vivekina) für den, der Unterscheidungskraft entwickelt hat, für den Unterscheidungsfähigen.

Patanjali und Buddha

An diesem und den folgenden Sätzen (YS II.15-17) erkennen wir leicht die Auseinandersetzung von Patanjali mit dem zu seiner Zeit in Indien schnell wachsenden Buddhismus. Die vier edlen Wahrheiten des Buddha zählen zu dem Kern dessen Lehre:

Leben ist Leiden

Jeder Mensch, der die Welt beobachtet erkennt, dass das Leiden allgegenwärtig ist. - Oder wie Patanjali sagt (YS II.15):

duḥkham-eva sarvaṁ vivekinaḥ
Für den Unterscheidungsfähigen Menschen (Vivekina) ist das Leiden (Duhkha) allgegenwärtig.

Leiden hat eine Ursache

Nach Buddha ist die Ursache für das Leiden in der Welt, dass diese ständig im Wandel begriffen ist. Wir uns jedoch an einen spezifischen Zustand anhaften. Wir haften beispielsweise an unserem Auto. Fängt unser Auto an zu rosten, dann entsteht Leiden. Oder wir haften an unserem Körper. Altern wir, so erzeugt die inneren Schmerz. Auch Patanjali berichtet dies (YS II.15):

pari.naama taapa sa.mskaara du.hkhai.h gu.na-v.rtti-virodhaacca
Leiden entsteht durch Anhaften an vergehendes (Parinama) oder nicht existentes (Tapa) oder durch den unendlichen Prozess von Ursache und Wirkung (Samskara), schon die ständige Wandlung der Natur (Guna-Vritti) führt zu Leiden.

Es gibt einen Weg aus dem Leiden

Oder wie Patanjali sagt (YS II.16):

heyaṁ duḥkham-anāgatam
Zukünftiges Leiden kann vermieden werden.

Der Weg aus dem Leiden besteht in dem Lösen der Anhaftung an all den Wandel in der äußeren Welt. Patanjali erklärt uns (YS II.17):

dra.s.t.r-d.r"syayo.h sa.myogo
Die Anhaftung (Samyoga) des wahren Selbst (Drashtu) an das Wandelbaren (Drishya) ist die Ursache für Leiden.

Ein wirklicher Yoga Meister ist daher in einem Zustand fortwährendem Glücks. Egal in welcher Situation er sich befindet, er haftet nicht daran an, sondern nimmt sie unvoreingenommen so wie sie ist.

Eine alte Legende berichtet von einem Yogi der in einem großen und schönen Haus wohnte. Eines Tages kehrte er von einer Reise zurück und sah sein Haus in hohen Flammen brennen. Nur noch einige Balken ragten aus den Flammen empor. Der Yogi lächelte, setzte sich vor das Feuer und wärmte sich seine Hände daran.

Dieser Yogi erkannte, dass sein Haus nun nicht mehr existent ist. Jede Anhaftung daran würde nur Leid erzeugen, hätte jedoch die Situation nicht geändert. In dieser Situation war das Feuer Realität. Der Yogi erkannte es hier konkret als Wärmespender. So konnte er mit der Situation ohne zu Leiden umgehen.

Es gibt kein Leiden

Mit der vierten Wahrheit führt uns Buddha in einen scheinbaren Widerspruch zur ersten, wenn er erklärt: "Es gibt kein Leiden.". Erst wenn wir alle Anhaftungen gelöst haben können wir das wirklich erkennen. Patanjali formuliert es ganz ähnlich (YS II.17):

heyahetu.h
Leiden kann von der Ursache her (hetuh) vermieden werden (heya).