Sie wurden in Abhängigkeit der gespeicherten Sprache Ihres letzten Besuchs umgeleitet! Zurück zu Deutsch? Zurück zu Englisch? (Back to English?)
×
Yoga Sutra

Das zweite Kapitel das Yoga Sutra nach Patanjali liefert Anweisungen für die Übungs-Praxis - Sadhana Pada.

Sadhana-Pada

Satz 47

prayatna-shaithilya-ananta-samapatti-bhyam ||47||

प्रयत्नशैथिल्यानन्तसमापत्तिभ्याम् ॥४७॥

prayatna-śaithilya-ananta-samāpatti-bhyām ॥47॥

Wesentlich in dieser Praxis ist sowohl ein gleichmäßiger weicher (Shaitilya) Atem (Prayatna), wie auch (Abhyam) die Konzentration (Samapatti) auf das schlangenhafte Zischen des Atems (Ananta). ||47||


prayatna = Spannung, Anstrengung, Atem
śaithilya = Weichheit, Entspannung, Loslassen
ananta = endlos, grenzenlos, Ananta oder Adishesha (König der Nagas), Patanjali, Rauschen der Luft
samāpatti = fokussierter oder konzentrierter Geist, tiefe Versenkung auf ein Objekt
abhyām = beides

Schauen wir uns diesen Satz genauer an:

Die Praxis von Asana soll zwei Aspekte umfassen (Abhyam):

Prayatna Shaithilya:

Prayatna ist auch heute im Hindi ein häufiges Wort. Es bedeutet soviel wie Anstrengung. Shaithilya hingegen ist die Weichheit. So übersetzt sollen wir uns in die Anstrengung der Asana-Praxis mit Weichheit begeben. Diese Übersetzung hilft uns in der Asana-Praxis sicher auch weiter. Zu Zeiten Patanjali's allerdings, hatte Prayatna noch eine etwas andere Bedeutung. Im Nyaya-Sutra von Akshapada aus etwa dem 2. Jh. n. Chr finden wir eine ältere Bedeutung des Wortes. Auch das "Nyayabhashya", ein von Vatsyayana Pakshilasvamin im ca. 5. Jh. n. Chr. verfasster Kommentar, unterstützt diesen Sinn. Hier wird von drei Arten von Prayatna gesprochen:

- prayatnaṁ trividhaṁ: Die Anstrengung im Streben nach Glück (pravr̥tti)
- prayatnaṁ proktam: Die Anstrengung im Vermeiden von Leid (nivr̥tti)
- jīvana-prayatna: Die Anstrengung zu Leben. Der Atem wird als die Anstrengung zu Leben verstanden.

Mit diesem Wissen können wir prayatna-śaithilya verstehen als ein Weichwerden des Atems während der Praxis von Asana.

Ananta Samapatti:

Der zweite Teil des Satzes ist mindestens genauso faszinierend. Samapatti ist die Fokussierung des Geistes. Mit Ananta wird das Objekt unserer Konzentration bezeichnet. Ananta wird oft mit "endlos" oder "grenzenlos" übersetzt. So verstanden sollen wir uns in der Asana-Praxis also auf das Endlose konzentrieren. Dies mag dem ein oder anderen weiterhelfen, doch damit haben wir die Bedeutung des Wortes noch nicht völlig durchdrungen.

Ananta ist einer der Namen von Ādiśeṣa, dem König der Nagas. Nagas sind gottähnliche Wesen in Schlangengestalt. Noch heute finden wir überall in Indien Schlangenstatuen an Bäumen, den sogenannten Naga-Bäumen, zu Ehren der Nagas. Patanjali gilt als eine Inkarnation von Adishesha. In einigen Übersetzungen lesen wir daher wir sollen uns in der Asana-Praxis das Bild von Patanjali vor unser geistiges Auge rufen. Mich persönlich lenkt diese Technik eher von der eigentlichen Praxis ab. Auch kann ich mir kaum vorstellen, dass Patanjali möchte, dass wir an ihn denken während wir praktizieren.

In Indien werden die Nagas als Götter der Luft verehrt. Der zischende Laut einer Schlange ist ein Symbol für die Luft. Der Legende nach ernährt sich die Kobra nur von Luft. In Ananta finden wir den Wortstamm ana, was so viel wie Atmen heißt. Wir finden diesen Wortstamm auch in den 5 Winden aus der Tantra-Philosophie: prāṇa, apāna, vāna, ... Übersetzen wir vor diesem Hintergrund Ananta Samapatti lernen wir bei der Praxis von Asana uns auf das schlangenartige Zischen unseres Atems zu konzentrieren.

Tradition und Übersetzung

Übersetzen wir mit diesem Wissen den Satz, verstehen wir, in der Praxis von Asana auf zwei Aspekte zu achten:

- Zum einen auf einen weichen Atem,
- zum anderen auf den rauschenden Hauch des Atems.

Eine Übersetzung, die zu der von Krishnamacharya überlieferten Asana Praxis perfekt passt. Nicht umsonst hat auch Krishnamacharya selbst diesen Satz mit dieser Bedeutung übersetzt (1).

(1) Namarupa 1/2007: "My Studies with Sri Krishnamacharya" Srivatsa Ramaswami