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Yoga Sutra

Das zweite Kapitel das Yoga Sutra nach Patanjali liefert Anweisungen für die Übungs-Praxis - Sadhana Pada.

Sadhana-Pada

Satz 7

sukha-anushayi ragah ||7||

सुखानुशयी रागः ॥७॥

sukha-anuśayī rāgaḥ ॥7॥

Anzunehmen, dass äußere Umstände das Glück mit sich bringen, wird Gier (Raga) genannt. ||7||


sukha = Glück, Vergnügen, Freude
anuśayī = darauf beruhen, vertrauen auf, resultierend, annehmen
rāga = (nom. von rāga) Gier, Verlangen, Anziehung, Zuneigung, Mögen, das "Haben-wollen"

Rāga - und die Praxis von Āsana

Im Aṣṭāṅga Yoga sind die Körper-Übungen (Āsana) in einer progressiven Reihenfolge in Serien angeordnet. Systematisch lernt der Praktizierende eine Position nach der anderen. Erst wenn die Arbeit an einer Āsana abgeschlossen ist, wird die nächste begonnen. So entstehen im Laufe der Übungsjahre elegante Bewegungsfolgen. Gerade Anfänger glauben, eine physisch fortgeschrittene Praxis bedeutet auch Fortschritte auf dem spirituellen Weg und inneres Glück. Sie setzen sich folglich physische Ziele. Sie möchten beispielsweise Marīchyāsana [D] beherrschen. Darin sehen sie den Schlüssel zur ersten Hälfte der ersten Serie. All ihre Praxis richten sie auf dieses Ziel aus. Irgendwann stellt sich dann der gewünschte und heiß ersehnte Erfolg ein. Zum ersten Mal können sie in Marīchyāsana [D] die Hände hinter dem Rücken fassen. Die Freude ist groß. Voll Begeisterung setzen sie ihre Praxis fort, jeden Tag voller Stolz und Freude über ihren Fortschritt. Nach einer Weile entdecken sie jedoch, dass auch die zweite Hälfte der ersten Serie eine innewohnende Schönheit besitzt und sie beschließen, ihre Praxis auszudehnen. Schnell erkennen sie, dass auch hier eine Āsana zum Limit wird. Vielleicht ist es Kūrmāsana. Nun richten sie ihren ganzen Focus auf diese neue Position. Sie sind fest davon überzeugt, dass Meisterschaft in dieser Position sie auf ihrem Yoga-Weg entscheidend weiterbringt. Eines schönen Tages stellt sich auch hier Erfolg ein. Zunächst berühren sich die Fingerspitzen, dann können die Hände gegriffen werden. Ein tolles Gefühl, doch wie lange hält es an? Bald wird die Praxis erweitert und die nächste limitierende Position zeigt sich auf dem Weg. Trotz des scheinbaren Fortschritts ändert sich im Grunde nichts. Die Praxis bleibt immer gleich, immer ist sie begrenzt, immer verspricht die nächste Position den entscheidenden Durchbruch auf dem Weg. Nach einiger Zeit, das Glück bei der nächsten Position erwartend, löst sich Avidyā. Du erkennst, dass keine Aasana in der Lage ist, dich dauerhaft glücklich und zufrieden zu machen. Das Āsana-Vinyāsa-System des Aṣṭāṅga-Yoga ist als Vehikel auf dem spirituellen Weg zu verstehen. Eine fortgeschrittene physische Praxis ist die Nebenwirkung, niemals das Ziel des Aṣṭāṅga-Yoga.

Ich kann mich an eine besondere Praxis erinnern. Seit Monaten übte ich an einer neuen Bewegung, so auch an diesem Tag. Ich schwang mich also in den Handstand, faltete die Beine in die Lotus-Position, senkte meinen Körper langsam ab, verlagerte mein Gewicht und fiel auf die Nase. Ein neuer Versuch führte zum exakt gleichen Resultat, ein weiterer Versuch erneut. So am Boden liegend wurmte es mich doch gewaltig. Warum konnte ich so eine einfache Bewegung nicht ausführen? Ich begann mich zu erinnern. Wie war meine Praxis vor ein paar Jahren? Dabei fiel mir erst auf, dass weder Handstand, noch Lotus, noch das Absenken vor einigen Jahren für mich möglich gewesen wären. Nun nahm ich in meiner Praxis diese Elemente der Bewegung gar nicht mehr als nennenswert wahr. Ich erinnerte mich, wie ich vor einiger Zeit mit demselben Enthusiasmus Bewegungen übte, die nun für mich nicht einmal mehr als Herausforderung wahrgenommen werden. Ich erkannte in mir die Erwartung, durch eine Āsana Glück zu erleben, als Rāga. Letztendlich basiert diese Erwartung auf Avidyā, der mangelnden Erkenntnis. Seit diesem Tag betone ich in meinem Unterricht immer wieder, dass es eben nicht die physische Form ist, die zur Erleuchtung führt. Noch kein Mensch hat Samādhi, den ekstatischen Zustand des Yoga, erreicht, nur weil er den Fuß hinter den Kopf klemmen kann. Wäre das so, so wäre jeder Akrobat zwangsläufig ein großer Yogin und erleuchteter Meister.

Rāga und Konsum

Als Kind erlebte ich einmal eine Phase mit vielen drängenden Wünschen. Meine Mutter erzählte mir daraufhin ein Erlebnis aus ihrer eigenen Kindheit. Sie wünschte sich als 12-jährige ein bestimmtes Kleidungsstück, das zu der Zeit gerade „in“ war und das alle Schulfreundinnen schon besaßen. Sie wurde jedoch von den Eltern auf ihren Geburtstag in sechs Wochen vertröstet. Nun konnte sie an nichts anderes mehr denken und der Wunsch wurde immer heftiger, drängender und geradezu übermächtig. Sie dachte ständig daran, wie gut sie aussehen und wie glücklich sie sich fühlen würde, wenn sie das gewünschte Kleidungsstück nur endlich tragen konnte. Als sie es dann bekam, erkannte sie sehr schnell, dass es sie nicht glücklich machte und auch nichts in ihrem Leben veränderte. Immer wenn im Laufe meines weiteren Lebens ein besonders drängender Wunsch erwachte, erinnerte ich mich an diese Geschichte, die mir meine Mutter erzählt hatte, und sie wurde so zu einer Hilfe auf meinem spirituellen Weg. Sie hilft mir, Rāga zu überwinden. Wenn ich einen drängenden Wunsch verspüre, warte ich erst einmal gelassen ab. Oft stelle ich fest, dass ich auch ohne die Erfüllung dieses Wunsches glücklich bin. Die Dringlichkeit des Wunsches lässt dann augenblicklich nach.

Die Werbung ist geradezu darauf ausgelegt, Rāga hervorzurufen. Es steckt die Absicht dahinter, uns ein bestimmtes Lebensgefühl zu suggerieren. Man sieht z.B. einen glücklichen Menschen in einem bestimmten Auto durch eine idyllische Landschaft fahren. Die Person vermittelt den Eindruck maximaler Freude und maximalen Erfolges. Wie vom Werbespot beabsichtigt, glauben wir, der Besitz des Autos würde uns genauso glücklich und erfolgreich machen. Der Wunsch, selbst solch ein Fahrzeug zu besitzen, stellt sich ein und das Auto wird zum Objekt der Begierde. Rāga ist erwacht. Vom Standpunkt des Yoga ist es weder verwerflich, in einem schönen und teuren Auto zu fahren, noch in einem alten und klapprigen. Yoga lehrt uns, dass wir uns in jedem Fahrzeug, ob alt oder neu, billig oder teuer, zufrieden und glücklich fühlen können.
Aus meiner Arbeit in der Sportmedizin weiß ich, wie trügerisch Rāga oft sein kann. Fast alle Sportler sind am Anfang ihrer Sport-Karriere voller Enthusiasmus und Idealismus. Sie haben Freude an ihrem Sport, möchten ihre Leistung aber auch messen. Der Wettkampf ist für sie eine persönliche Freude am eigenen Trainingserfolg. Bei manchen verändert sich dieses Empfinden irgendwann. Die Freude am Sport tritt in den Hintergrund, der Erfolg im Wettkampf wird wichtiger. Dann ist die gute Platzierung dominierend. Leben und Training sind nur noch auf dieses Ziel ausgelegt - Sieg um jeden Preis. Nun erwacht bei manchen Sportlern die Versuchung, ihre Leistung durch verbotene Substanzen zu verbessern. Sie greifen zu Dopingmaßnahmen. Blicken solche Sportler später auf ihre Karriere zurück, sind sie meist enttäuscht über sich selbst. Im Rückblick erkennen sie, wie die Gier nach dem Sieg sie vergessen ließ, warum sie den Sport eigentlich ausgeführt haben. Sie haben sich um die Chance betrogen herauszufinden, wie leistungsfähig sie selbst sind, und das war es ja, was sie ursprünglich erfahren wollten. Sie haben ihre Gesundheit langfristig geschädigt und müssen nun die Folgen tragen. Auch ihre Freunde haben sie betrogen und können nun mit kaum jemandem darüber sprechen, dass ihr sportlicher Erfolg auf Betrug und Lüge aufgebaut war. Die Wettkampfgegner wurden gleichfalls betrogen, weil es keine Chance auf einen fairen Vergleich gab. Ebenso wurde ihr geliebter Sport als Ganzes in der Öffentlichkeit in Verruf gebracht. Am Ende der Karriere erkennen dann viele dieser Sportler, dass es Rāga war, die sie verführte. Es hatte schleichend begonnen, doch irgendwann war das Ergebnis wichtiger als der Weg und damit war der Schritt zum Verrat der eigenen Ideale nicht mehr weit.