Yoga Sutra

Das zweite Kapitel das Yoga Sutra nach Patanjali liefert Anweisungen für die Übungs-Praxis - Sadhana Pada.

Sadhana-Pada

Satz 1

tapah svadhyay-eshvarapranidhanani kriya-yogah ||1||

तपः स्वाध्यायेश्वरप्रणिधानानि क्रियायोगः ॥१॥

tapaḥ svādhyāy-eśvarapraṇidhānāni kriyā-yogaḥ ॥1॥

Eine Praxis mit Strenge und Achtsamkeit sich selbst gegenüber, ohne Verhaftung an das Resultat, wird Kriya-Yoga genannt. ||1||

tapaḥ = (nom. sg. n. / acc. sg. n. von tapa) Askese, Disziplin, Hitze, Selbstdisziplin
svādhyāya = (iic.) Selbststudium, sich selbst achtend
īśvarapraṇidhāna = Hingabe an einen persönlichen Gott, Selbstaufgabe, ohne Verhaftung an das Resultat
kriyā = (nom. sg. f.) Handlung, Yoga der Tat, Kriya-Yoga
yogaḥ = (nom. sg. m. von yoga) Yoga

Kriya Yoga zeichnet sich also durch drei Qualitäten aus: tapaḥ, svādhyāya und iśvarapraṇidhāna. Jede für sich ist einer Betrachtung wert:

tapaḥ

Wörtlich übersetzt bedeutet es Feuer, das Brennen oder die Askese. Es geht also um ein zielstrebiges Handeln mit Absicht, Leidenschaft und Selbstdisziplin. Tapaḥ ist eine Grundvoraussetzung, um sich weiterzuentwickeln. Dies betrifft die spirituelle Entwicklung, aber auch alle anderen Bereiche. Bei allen Menschen, die Großes erreicht haben, erkennen wir eine ausgeprägte Fähigkeit zu tapaḥ. Der Sport ist ein gutes Beispiel. Mühelos sieht es oft aus, wenn ein Läufer den Weltrekord bricht oder ein Turner die Goldmedaille gewinnt. Die Freude am Sport allein reicht jedoch nicht aus. Die Bereitschaft, auch dann zu trainieren, wenn es schwer fällt und keinen Spaß macht, ist unerlässlich. Auch in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft braucht es die Qualität von tapaḥ, um erfolgreich zu sein. In meinem privaten Leben ist die Qualität von tapaḥ immer wieder gegenwärtig. Ich glaube, „wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“. Jeder Rückschlag gehört zum Lernprozess und ist eine Herausforderung, diesen anzunehmen und es erneut zu versuchen.

Spirituell stehe ich in der Tradition des Aṣṭāṅga Yoga. Hier ist die körperliche Praxis des Āsana-Viṇyāsa-Systems die Grundlage des spirituellen Weges. Täglich um 5.00 Uhr klingelt mein Wecker. Es ist noch dunkel, mein Bett warm und bequem. Manchmal überlege ich dann, ob ich nicht – heute ausnahmsweise - länger schlafen sollte. Tapaḥ ist dann mein Maṁtra, ich wiederhole es lautlos, stehe auf und stelle mich auf meine Matte. Auch wenn die Āsana-Viṇyāsa-Praxis des Aṣṭāṅga-Yoga körperlich fordernd ist, so ist es für den Praktiker schnell klar, dass die eigentliche Herausforderung anderswo liegt. Schmunzelnd stelle ich oft Yoga-Schülern die Frage, welche der vielen Positionen die schwerste ist. Das schwerste Āsana ist immer das erste. – Das erste im Leben, das erste am Tag. - jeden Tag aufs Neue.

Aller Anfang ist schwer, so heißt es. Doch ohne Anfang gibt es keine Praxis. Nicht ohne Grund steht daher tapaḥ ganz zu Beginn der drei Aspekte des Kriyā Yoga. Hier ist Disziplin nötig. Ist der Anfang erst gemacht, so trägt der Atem und das kraftvolle Energiefeld der Tradition durch die Praxis.

svādhyāya

Wörtlich übersetzt bedeutet es das Selbststudium. Ich erlebe es als eine Begegnung mit mir selbst. Es ist sowohl die Rücksichtname auf die eigenen Gegebenheiten, als auch das Kennenlernen der eigenen Grenzen. Je mehr und tiefer wir uns auf etwas einlassen, umso intensiver lernen wir uns selbst kennen.

„Laufe mit mir und ich sage dir wer du bist“ ist ein Zitat des Langstreckenläufers und Trainers Lydiard. Jeder Ausdauersportler hat das erfahren. Oft ist es gerade diese Auseinandersetzung mit sich selbst, die in hohem Maße fasziniert. Irgendwann – früher oder später - erreicht man einen Punkt völliger Erschöpfung. Der Verstand verstummt und du findest dich im „Jetzt“ wieder. Nun fallen alle Rollen ab, die du gewohnt bist zu spielen. Nun bist du nur noch du selbst. Aspekte in dir, die du jahrelang so erfolgreich unterdrückt hast, dass du dir ihrer nicht einmal bewusst warst, kommen nun zum Vorschein. Du hast gar keine andere Wahl, als dich mit ihnen auseinanderzusetzen und sie zu integrieren. Solche Erlebnisse führen schrittweise zu einer Transformation. Ganz genauso verhält es sich mit der Aṣṭāṅga Yoga Praxis. Daher ist sie körperlich so fordernd.

Die Berücksichtigung der vorhandenen Gegebenheiten ist die andere Seite des svādhyāya. Ich spüre und lausche nach innen und folge meiner Intuition. In der Aṣṭāṅga-Tradition besteht die Grundlage der spirituellen Praxis aus einem körperlich fordernden System aus Atem und Bewegung. Die Praxis ist darauf ausgelegt, dich an deine persönlichen Grenzen zu führen. An diesen kannst du arbeiten, musst sie jedoch auch akzeptieren und respektieren. Akzeptanz ist nötig um zu verstehen, dass die Praxis bei jedem etwas anders aussieht. Für den einen mag es stimmig sein, dynamisch durch eine Folge von Handständen zu gleiten, für den anderen nicht. Die individuellen Möglichkeiten und die Anatomie sind zu berücksichtigen, sonst folgen Verletzungen und Frustration. Auch ist jeder Tag anders. An einem Tag fühlst du dich stark und flexibel, an einem anderen nicht. Svādhyāya lehrt dich, dies zu erkennen und jeden Tag aufs Neue eine für dich passende Praxis zu finden.
„Jeder Mensch kann Yoga üben – solange er atmen kann“, sagte Sri Tirumalai Krishnamacharya (1888–1989). „Jeder Mensch kann Yoga üben – außer faule Menschen“. Mit diesem Satz wird die Tradition des Aṣṭāṅga-Yoga heute von Pattabhi Jois, meinem Lehrer, weitergetragen. Selbst im Rollstuhl sitzend kann Aṣṭāṅga-Yoga geübt werden. Kann nur der Finger bewegt werden, dann beginnt deine Praxis genau dort.

Im Finden von Ausreden sind wir Menschen oft groß. Es fallen uns schnell einhundert Gründe ein, warum wir nicht üben können. Zu unbeweglich, zu schwach, zu dick, zu groß oder zu klein mag als Grund stimmen, warum wir die ein oder andere physische Form nicht ausführen können. Für die spirituelle Praxis des Aṣṭāṅga Yoga gelten diese Ausflüchte nicht, denn jeder kann eine Praxis finden, die zu ihm passt.
Mit Interesse beobachte ich meine persönlichen Veränderungen in der Yoga-Praxis. An einem Tag fühle ich die Kraft in jeder Muskelfaser und „fliege“ fast schwerelos über meine Yoga-Matte. An einem anderen Tag bin ich unbeweglich und schwach. Beides sind wichtige Aspekte. Ich lerne zu akzeptieren, ich entdecke mich jeden Tag aufs Neue. Svādhyāya wird so zum ständigen Begleiter meiner Praxis.

Auch in meinem Beruf als Arzt muss ich oft großem Druck standhalten und Verantwortung übernehmen. Zusätzlich arbeite ich an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt, bin Doping-Präventionsbeauftragter eines Triathlonverbandes, Vereinsarzt der Rudernationalmannschaft, unterrichte Yoga, bilde Yogalehrer im Bereich der Anatomie aus, … Bevor das „Burn-Out-Syndrom“ droht, erinnere ich mich an eine humorvolle Aussage meines Vaters: „lie down, before you fall down“ („Leg Dich nieder, bevor Du umkippst“)! Auch das ist svādhyāya.

iśvarapraṇidāna

Wörtlich übersetzt bedeutet es die Hingabe an einen persönlichen Gott. Iśvara ist der Gott deiner Vorstellungen, egal welcher Religion du angehörst. Hingabe an eine höhere Macht führt zu Akzeptanz und Erwartungslosigkeit.

Wenn man sich bemüht und anstrengt und der gewünschte Erfolg sich trotzdem nicht einstellt, könnte Enttäuschung und Wut entstehen. Das Kriyā-Yoga lehrt uns jedoch, jedes Resultat unserer Bemühungen zu akzeptieren. Wir handeln mit tapaḥ (Selbstdisziplin), doch unser Ziel ist nicht ein bestimmtes Ergebnis, sondern die Erfahrungen und Erkenntnisse auf unserem Weg (svādhyāya). „Handle, Arjuna, ohne mit den Früchten deiner Taten verhaftet zu sein“ – so legte es Kr̥ṣṇa in der Bhagavad Gītā seinem Schüler Arjuna nahe.
Bei meiner Arbeit in der kardiologischen Rehabilitation begleite ich Menschen nach einem Herzinfarkt auf ihrem Weg zurück zur Gesundheit. Ich zeige ihnen die Gründe und Risiken auf. Schnell erkennen sie, dass sie selbst Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen können, indem sie z.B. das Rauchen aufgeben, ihre Ernährung verändern und sich mehr bewegen. Doch gibt es auch Risikofaktoren wie familiäre Belastung, Alter und Geschlecht, an denen sie nichts verändern können. Hier ist Kriyā Yoga gefragt: ändern, was zu ändern ist und zu akzeptieren, was nicht geändert werden kann. Das Prinzip von iśvarapraṇidāna kommt hier als Akzeptanz zum Ausdruck.
Gerade in meiner spirituellen Tradition, dem Aṣṭāṅga Yoga, wird das Prinzip von iśvarapraṇidāna oft verkannt. Manche Menschen verwechseln die äußere Form der Praxis mit dem spirituellen Wachstum. Wie deine physische Praxis aussieht, hängt ab von Alter, Körperbau, Talent und Genetik. Es gilt, diese Gegebenheiten zu akzeptieren und jegliche Erwartungen aufzugeben. Aṣṭāṅga Yoga ist nicht Hindu-Aerobic! Die physische Form ist nur das Vehikel auf einem internalen, spirituellen Weg.

Zusammenfassung:

Die Erfahrung des Yoga soll nicht auf die Yoga-Matte beschränkt bleiben. Sie hat das Potential, das Leben grundlegend zu verändern. Das, was wir auf der Yoga-Matte lernen, können wir in den Alltag übertragen. Dann meistern wir mit Leidenschaft und Selbstdisziplin auch schwierige Aufgaben. Wir erspüren im Inneren den für uns richtigen Weg und das richtige Maß. Wir lernen zu vertrauen und zu akzeptieren, indem wir erfahren, dass Ergebnisse niemals allein von unseren Anstrengungen abhängig sind. Diese Erkenntnis nimmt uns die Last der persönlichen Verantwortung und bedeutet letztendlich Freiheit.

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