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Praxis

Zum Abschluss dieser kleinen Serie möchte ich heute einen Blick darauf werfen, welche Rolle die Haut dabei spielt, wenn wir über Berührungen mit anderen Menschen in Kontakt treten.

Kristen Sikorsky Racco
Die Autorin: Kristen Sikorsky Racco

Vor einigen Wochen sind wir auf die Reise zur Erkundung unserer Haut aufgebrochen. Wir haben damals zunächst damit begonnen, uns ein Adjustment in Erinnerung zu rufen, das wir während einer unserer letzten Yogastunden erhalten hatten und so einen ersten Zugang zu unserer Haut zu finden. In einem zweiten Schritt haben wir uns die Zeit genommen, uns eingehender mit den „empfangenden“ Qualitäten der Haut zu beschäftigen und sind so buchstäblich eine Schicht tiefer gegangen. Dabei haben wir uns vor allem mit den propriozeptiven Funktionen der Haut auseinandergesetzt. Hier haben wir unter anderem gelernt, wie die Haut uns dabei helfen kann, unsere Bewegung zu steuern und uns im Raum zu orientieren.

Es gibt zahlreiche Studien und Artikel, die belegen, dass wir Menschen grundsätzlich darauf ausgerichtet sind, in Gemeinschaften zu leben und dass Isolation  unser Wohlbefinden stark beeinträchtigt. So ist es beispielsweise für die physische und psychische Entwicklung von Babys enorm wichtig, dass sie von ihren Eltern auf den Arm genommen und liebevoll berührt werden. Neuste Studien zeigen sogar, dass eine Umarmung, in der wir uns wirklich gut fühlen, eine langanhaltende Wirkung auf unser generelles Glückslevel und Wohlbefinden hat. Berührungen sind damit das Paradebeispiel für nonverbale Kommunikation, weil wir mit ihnen oft Dinge ausdrücken können, die sich nicht in Worte fassen lasen.

Dieses Thema passt gleichzeitig auch zur aktuellen Jahreszeit. Zwar werden die Tage inzwischen schon wieder länger und freundlicher, aber wir erinnern uns vermutlich noch alle an die kalten und grauen Tage, die wir dieses Jahr im Januar hatten. Interessanterweise ist gerade der Monat Januar dafür bekannt, dass wir uns häufig ein Stück weit „down“ fühlen. Gleichzeitig haben die Depressionsraten in unserer Hemisphäre zu diesem Zeitpunkt ihren absoluten Höchststand. Das liegt vermutlich nicht zuletzt daran, dass das Wetter meist kalt ist, die Feiertage mit ihrer freudig-aufgeregten Aktivität vorbei sind und wir uns eigentlich nach Frühling und Licht sehnen, die Tage aber noch kurz und eher düster sind. Gerade in solchen Zeiten bietet es sich an, einmal neue Wege zu gehen und beispielsweise zu erkunden, wie über physischen Kontakt eine Kommunikation zwischen zwei Menschen entstehen und sich ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln kann.

Monats-Übung Nummer 3: Die Wirkung einer wohlmeinenden Berührung

Für die heutige Übung brauchst Du einen Partner. Ihr werdet euch im Verlauf der Übung abwechseln und beide einmal in der gebenden und in der nehmenden Rolle sein. Einigt euch darauf, wer womit beginnen möchte und tauscht nach einem ersten Durchgang die Rollen.

Wichtiger Hinweis: Falls Du während der Übung zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl haben solltest, dass die Erfahrung für Dich zu intensiv wird, um noch angenehm zu sein, oder dass es Dir nicht möglich ist, ruhig zu sitzen oder zu liegen und zu beobachten, hast Du natürlich jederzeit das Recht, die Aufgabe zu beenden, indem Du den physischen Kontakt auf respektvolle Art und Weise löst. Unsere Körper speichern auf der physischen Ebene Gefühle, Erinnerungen und Sinneserfahrungen mitunter an den unerwartetsten Orten ab. Es ist wichtig, dies zu wissen und sich auch dessen bewusst zu sein, dass jede Reaktion, Emotion und jedes Gefühl während dieser Übung "richtig" ist und seine Berechtigung hat. Während der Übung selbst geht es jedoch ausschließlich um die reine Beobachtung und keine Bewertung oder Analyse. Wenn Du das Gefühl hast, dass es für Dich angenehmer oder besser wäre, eine andere Position zu wählen als Savasana, in der Du Dich möglicherweise weniger verletzlich fühlst, dann passe die Übung gerne für Dich an und wähle eine Haltung, in der Du Dich wohl fühlst und entspannen kannst. Balasana bzw. die Kindshaltung eignet sich beispielsweise hervorragend als Alternative.

Wenn Du in der gebenden Rolle beginnst, dann bitte Deinen Partner, sich in Savasana zu begeben. Gib ihm oder ihr die Zeit, zur Ruhe zu kommen und zu sich zu finden. Halte dabei einen Abstand von einigen Metern, während Dein Partner eine Position wählt, die sich für ihn angenehm anfühlt und dann die Augen schließt.

Wenn Dein Partner einige Minuten in Savasana verbracht hat und zur Ruhe gekommen ist, beginnst Du damit, Dich ihm achtsam zu nähern und Dich in einer für Dich bequemen Position neben ihn zu setzen. Beginne nun, noch ohne ihn zu berühren, zunächst einmal damit, einen Kontakt aufzubauen, indem Du ihn beobachtest. Nimm beispielsweise die Bewegung seines Atems wahr, die Ausrichtung seines Körpers oder seinen Gesichtsausdruck und fühle die Energie, die in diesem Moment in ihm fließt.

Nach einiger Zeit wirst Du anfangen, die Präsenz des Menschen neben Dir nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Lass Dir etwas Zeit und beobachte die Gefühle, die dabei in Dir entstehen. Gib Deinem Partner ebenfalls die Chance, für sich wahrzunehmen, welche Energie entsteht, nachdem Du Dich ihm genähert und damit einen gemeinsamen Raum geschaffen hast. Beobachte und fühle nach wie vor noch ohne den anderen zu berühren.

Wenn ihr einige Zeit so verbracht und einen ersten Kontakt aufgebaut habt, stellt sich vielleicht irgendwann das Gefühl ein, dass die Energie zwischen Dir und Deinem Partner frei fließt. Wenn das der Fall ist, dann lege sanft eine Hand auf die Person neben Dir. Wenn es sich für Dich gut und angemessen anfühlt, platziere Deine Hand vorsichtig auf Brustbein oder Bauch, wenn Du das Gefühl hast, damit zu weit in die Sphäre des anderen einzudringen, dann berühre ihn beispielsweise sanft am Arm. Lass Deine Hand anschließend liegen, schließe die Augen und atme ganz bewusst.

Ab hier gibt es keine Anweisung mehr, was genau Du tun solltest bzw. auch kein richtig oder falsch, ab jetzt ist Deine Intuition gefragt. Versuche, nur noch den Kontakt zu spüren und wahrzunehmen, welche Art der Kommunikation entsteht. Übe dabei keinen Druck aus und bewege die Hand auch nicht hin und her, sondern spüre ausschließlich die leichte Berührung. Bleibe für einige Zeit, etwa 5 bis 7 Minuten, in dieser Position.

Die Präsenz des Menschen neben Dir nicht nur sehen, sondern auch spüren.
Mit den Händen hören: Die Präsenz des Menschen neben Dir nicht nur sehen, sondern auch spüren.

Irgendwann wirst Du anfangen zu fühlen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, den Kontakt wieder zu lösen. Beende die Berührung genau so langsam und achtsam wie Du sie begonnen hast. Das bedeutet: Löse vorsichtig Deine Hand und bleibe schweigend noch ein paar Minuten neben Deinem Partner sitzen. Gib ihm die Zeit, wieder aus Savasana zurück zu kommen und schließlich ebenfalls eine aufrecht sitzende Position einzunehmen.

Mein Vorschlag ist, dass ihr die Rollen schweigend und gleich im Anschluss tauscht und Du nun in der Rolle des Empfangenden bist

Nehmt euch hinterher einige Minuten Zeit und macht euch jeder für sich ein paar Notizen dazu, wie es sich angefühlt hat, in der Rolle des Gebenden und des Nehmenden zu sein. Tauscht auch anschließend darüber aus und teilt eure Erfahrungen. Wie lassen sich Teile dieser Praxis vielleicht sogar in unser tägliches Leben integrieren? Hat sich etwas in Deiner Einstellung zu Berührung und (non-verbaler) Kommunikation geändert?

Aus Sicht des Lehrers – wie kann ich in meinen Stunden von dieser Übung profitieren?

Als Yoga-Lehrerin arbeite ich persönlich sehr viel und gern mit meinen Händen. Als Yoga-Schülerin geht es mir dagegen häufig so, dass ich anfangs einen gewissen inneren Widerstand oder eine gewisse Skepsis habe, berührt zu werden. Dieses Gefühl verlässt mich erst, wenn ich den Eindruck habe, der Person, die mich berührt, vertrauen zu können. Die oben beschriebene Übung hat mir was das betrifft regelrecht die Augen geöffnet, weil sie mir die Gelegenheit gegeben hat, beide Rollen zu spüren und meine Erfahrungen hinterher mit einer andere Person bzw. einer kleinen Gruppe zu teilen.

Als Yoga-Lehrerin habe ich mich über die Zeit hinweg immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt, welche Rolle Berührungen bei Hilfestellungen spielen. Dabei bin ich letztendlich zu folgendem Ergebnis gekommen: Für mich sind aktive Adjustments wie ein Dialog, also eine Art Gespräch, das die Basis für die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler legt. Wenn ich mich einem Schüler nähere und zunächst nur neben ihm sitze oder stehe, baue ich einen ersten Kontakt auf. Wenn auf diese Weise ein sicherer Raum entstanden ist, kann eine erste Berührung erfolgen. Dabei ist es wichtig, den Schüler stets mit Respekt und Vorsicht zu berühren und vor allem auch zu spüren, wie die eigenen Hände auf den Körper des Schülers reagieren, wie sich der Kontakt anfühlt. Indem ich mir Zeit nehme, dem Schüler über meine Hände „zuzuhören“, löse ich mich von meinen eigenen Absichten und reagiere stattdessen auf das, was der Körper des Schülers sagt. Wenn der Schüler bei meinem anschließenden Adjustment ruhig und fließend weiteratmet und sein Körper organisch meiner Berührung folgt, dann weiß ich, dass wir uns wortlos verstanden haben. Wenn sich der Körper des Schülers dagegen unter meinen Händen versteift, sich der Atem verändert oder der Schüler sich gegen die durch meine Hände vorgegebene Richtung wehrt, dann liegt eine Art Meinungsverschiedenheit vor. In diesem Fall ist es meine Pflicht als Lehrer, der sich in den Raum des Schülers begeben hat, diesen „Kommentar“ zu respektieren und nicht zu versuchen, meine – wie auch immer wohlmeinende Absicht – weiter zu verfolgen. Denn letzten Endes geht es bei diesem wortlosen Dialog um den Körper des Schülers, nicht um meinen eigenen.

Von den eigenen Absichten lösen und hören, was der Körper des Schülers sagt.
Achtsamkeit in der Arbeit mit anderen: Von den eigenen Absichten lösen und hören, was der Körper des Schülers sagt.

Praxis-Tipps für die Umsetzung im eigenen Unterricht:

1. Höre als erstes immer erst einmal nur zu. Berühre niemanden, bevor Du ein Gefühl dafür entwickelt hast, wie sich die betreffende Person an diesem Tag fühlt.  

2. Gib keine Hilfestellung, bei der Deine eigene Absicht im Vordergrund steht. Versuche zu spüren, was der Körper des Schülers an diesem Tag braucht. Manchmal kann dies auch nur ein Gefühl der Sicherheit oder Geborgenheit sein, an einem anderen Tag vielleicht ein praktischer Tipp. Versuche immer das zu geben, was sich an diesem Tag angemessen und richtig anfühlt und wovon der Schüler am meisten profitiert.

3. Nimm die Reaktion des Schülers auf Deine Berührung wahr und passe Deine Hilfestellung entsprechend an. Nimm Dir die Zeit, Dich dem Schüler langsam zu nähern und seinen Raum auch genauso langsam wieder zu verlassen. Auf diese Weise vermittelst Du ein Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Respekt. Frage den Schüler, wie er sich fühlt, wenn Du die Reaktion nicht deuten kannst oder sich der Atem verändert – vergiss nicht, Körpersprache ist nur ein Kommunikationsmittel unter vielen!   

Danke dem Schüler wortlos für das „Gespräch”, wenn Du Dich wieder von ihm entfernst.

Deine Haut begleitet Dich genau wie Dein Atem durch Dein ganzes Leben. Nimm Dir die Zeit, ein Gehör für ihre Einsichten und Weisheiten zu entwickeln!