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Mantra

Das Lieblings-Mantra von Pattabhi Jois heißt Bhadram-Shanti-Mantra - mit ihm richten wir uns spirituell für die Ashtanga-Yogapraxis und insbesondere für Surya Namaskara aus. Dieses Mantra leitet die Mandukya Upanishad ein.

om
oṁPartikel
Om

Om

bhadramNominativ Singular
bhadraSubstantiv Neutrum
das Gute, Sicherheit, das Glücksbringende
karṇebhiḥInstrumentalis Plural
karṇaSubstantiv Maskulin
durch die Ohren, mit den Ohren
śr̥ṇuyāma1. Person Plural Optativ
śruVerb
wir mögen hören
devāḥVokativ Plural
devaSubstantiv Maskulin
oh ihr Götter!

Oh ihr Götter, mögen wir das Gute mit den Ohren hören,

Dr. Ronald Steiner

O Gods, while engaged in sacrifices, may we hear with our ears what is auspicious,

Pattabhi Jois - 1999

bhadramNominativ Singular
bhadraSubstantiv Neutrum
das Gute, Sicherheit, das Glücksbringende
paśyema1. Person Plural Optativ
paśVerb
wir mögen sehen
akṣabhiḥInstrumentalis Plural
akṣaSubstantiv Maskulin
mit den Augen
yajatrāḥVokativ Plural
yajatraSubstantiv Maskulin
Oh ihr Götter denen göttliche Verehrung und Opfer gebühren! Oh ihr Verehrungswürdigen! Oh ihr Opfer und Verehrungswürdigen!
yajatra
yajVerb
dem göttliche Verehrung und Oper gebühren
yajVerbeinen Gott verehren, huldigen, opfern, weihen

Oh ihr Verehrungswürdigen, mögen wir das Gute mit den Augen sehen!

Dr. Ronald Steiner

may we see with our eyes what is auspicious.

Pattabhi Jois - 1999

sthiraiḥNeutrum Instrumentalis Plural
sthiraAdjektiv
mit starken
aṁgaiḥInstrumentalis Plural
aṅgaSubstantiv Neutrum
mit Gliedern
tuṣṭuvāṁsaḥNominativ Plural
tuṣtuvāṁsPartizip Perfekt Aktiv
die zufriedenen seienden, die erfreut seienden
tuṣtuvāṁsPartizip Perfekt Aktiv
tuṣVerb
zufrieden seiend, die erfreut seienden
tanūbhiḥInstrumentalis Plural
tanūSubstantiv Feminin
mit den Körpern, mit Personen

Mögen wir durch starke Glieder und mit Freude erfüllten Körpern

Dr. Ronald Steiner

While praising, may we of strong and stady limb

Pattabhi Jois - 1999

vyaśema1. Person Optativ Plural
viaśVerb
mögen wir erfüllen
viPräfixauseinander
Verberlangen
devahitaṁMaskulin Akkusativ Singular
devahitaAdjektiv
von den Göttern eingerichtet
yatNeutrum Nominativ Singular
yatPronomen 3. Person
das
āyuḥNominativ Singular
āyuḥSubstantiv Maskulin
das Leben

das von den Göttern [uns] gegebene Leben erfüllen.

Dr. Ronald Steiner

enjoy the live given by the Gods.

Pattabhi Jois - 1999

svasti
svastiAdverb
wohl, glücklich
suPräfixgut, günstig
asti3. Person Singular
asVerb
er / sie / es ist
asVerbsein
naḥPlural Dativ
madPronomen 1. Person
für uns
indraḥNominativ Singular
indraSubstantiv Maskulin
der Gott Indra
vr̥ddhaśravāḥMaskulin Nominativ Singular
vr̥ddhaśravasAdjektiv
mit großer Schnelligkeit versehen

Möge Indra, der mit großer Schnelligkeit versehen ist, uns gewogen sein.

Dr. Ronald Steiner

svasti
svastiAdverb
wohl, glücklich
suPräfixgut, günstig
asti3. Person Singular
asVerb
er / sie / es ist
asVerbsein
naḥ1. Person Plural Dativ
madPronomen 1. Person
für uns
pūṣāNominativ Singular
pūṣanSubstantiv Maskulin
Gott Pūṣa, den Hüter der Herden
viśvavedāḥNominativ Singular
viśvavedasSubstantiv Maskulin
der Weise, derjenige der alles weiß
viśvavedasBahuvrīhi-Kompositum
viśvaAdjektivvedasSubstantiv Neutrum
einer der alle Erkenntnis besitzt
viśvaAdjektivsämtlich, ganz, alle
vedasSubstantiv NeutrumErkenntnis

Möge Pūṣa, der die Welt kennt, uns gewogen sein.

Dr. Ronald Steiner

svasti
svastiAdverb
wohl, glücklich
suPräfixgut, günstig
asti3. Person Singular
asVerb
er / sie / es ist
asVerbsein
naḥPlural Dativ
madPronomen 1. Person
für uns
tārkśyaḥNominativ Singular
tārkśyaSubstantiv Maskulin
Name des Gottes, oft identisch mit Garuda oder sein ältere Bruder oder Vater
ariṣṭanemiḥMaskulin Nominativ Singular
ariṣṭanemiAdjektiv
einer der voller Eifer / Arbeitseifer ist

Möge Garuda, der voller Eifer ist, uns gewogen sein.

svasti
svastiAdverb
wohl, glücklich
suPräfixgut, günstig
asti3. Person Singular
asVerb
er / sie / es ist
asVerbsein
naḥPlural Dativ
madPronomen 1. Person
für uns
br̥haspatiḥNominativ Singular
br̥haspatiSubstantiv Maskulin
Der Lehrer aller Götter, Wörtlich: großer Herr, Gott der Religiösität und Frommigkeit, er ist der Haupt darbieter von Opfern und Gebeten;
dadhātu3. Person Singular Imperativ
dhāVerb
möge er uns beschenken, erhalten, aufbewahren

Möge Br̥haspati, der Lehrer aller Götter, uns wohlwollend beschenken sein.

Dr. Ronald Steiner

om
omPartikel
Om
śāntiḥNominativ Singular
śāntiSubstantiv Feminin
Frieden
śāntiḥNominativ Singular
śāntiSubstantiv Feminin
Frieden
śāntiḥNominativ Singular
śāntiSubstantiv Feminin
Frieden

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Surya-Namaskara die Basis der spirituellen Praxis

Ohne die nötige Ausrichtung ist Ashtanga-Yoga wertlos, betonte mein geschätzter Lehrer Pattabhi Jois immer wieder. Das Surya-Namaskara ist ein Symbol für diese spirituelle Ausrichtung. Dann murmelte er auf Sanskrit. Es handelt sich um ein Mantra, das sich durch etwas Suchen in der Rig-Veda-Shanhita, der Padapatha Mandala 1 (89.8+89.6), wieder findet. Es ist auch als Shantih-Mantra bekannt und stellt den Beginn jeder zum Atharva-Veda gehörenden Upanishad dar. Auch in Texten aus Yajur-Veda sowie Prashna Upanishad, Amritabindu Upanishad und Bhavana Upanishad finden sich diese Zeilen.

Zweck von Surya-Namaskara

Auch wenn Surya in diesem Mantra nicht genannt wird, setzt Pattabhi Jois es mit dem Surya-Namaskara in Verbindung:

Der Zweck dieses Mantras ist es, das Göttliche in allen Objekten der Sinne zu erkennen, indem die Sinne gestärkt werden. Es ist ein Gebet, nicht nur um physische Kraft, Sinnesorgane, den Verstand und Heilung, sondern um innere Freude und absolute Befreiung von vergänglichem Dasein. Wenn solche Freude erreicht werden krechann, dann nur durch den Gesunden, nicht durch den Kranken. Daher sollen wir, um gesund zu werden, Surya-Namaskara nach der Beschreibung der Schriften praktizieren.
(The purport of this mantra is to discern divinity in all the objects of the senses through the strengthening of the senses. It is a prayer not merely for the strength of the body, senses, and the mind, and for the elimination of diseases, but for inner happiness and ultimate liberation from transmigratory existence. If such happiness is to be gained, it can only be so by the healthy, not by the sick. Therefore, to become healthy, one should practice the Surya-Namaskara in accordance with scriptural injunctions.)
[Yoga Mala S 37]

Dieses Mantra erläutert nicht den genauen Ablauf der Bewegungen, sondern die Essenz und den Sinn von Surya-Namaskara.

Surya-Namaskara als Opfergabe durch den Körper

Das Mantra beschreibt das Darbringen des "Opfers" mit dem Körper. Nach dem Verständnis der Rig-Veda bedeutet "Opfer" ganz allgemein den richtigen Ablauf eines Prozesses. Alles entsteht durch Opfer, wird durch Opfer aufrechterhalten und am Ende in einem Opfer vergehen. So wird auch die gesamte Schöpfung sich in einem Opfer auflösen. Aus der Asche dieses Opfers entsteht schließlich die nächste Schöpfung. So wird die Asche des Opfers zum Homolog des Zeugungs-Samens, zum Homolog von Amritaa. Ein Opfer benötigt, nach dem Verständnis des Veda, drei Aspekte:

  • Ein geopfertes Substrat,
  • das Opferfeuer als Energie für den Prozess,
  • und ein kontrollierendes Agent. Erst dieses bringt das Opfer, mit Wind oder Rauch verbunden, zum gewünschten Resultat.

Diese drei Elemente des Opfers müssen in der exakt richtigen Weise zusammentreffen. So wird in der Veda der alles belebende Regen mit mathematischer Genauigkeit quasi erzeugt. Milch, Butter oder Soma werden im Feuer geopfert. Der Wind facht das Feuer an und bringt die Opfergabe zu den Göttern. Verläuft der Opfervorgang in der richtigen Weise, so kommt der heiß ersehnte Regen vom Himmel zurück. Surya-Namaskara ist ein Opfer, das den Yoga-Praktizierenden transformiert. Wir entfachen unser inneres Feuer durch Ujjayi-Atmung. Bandha ist das kontrollierende Agent. Alles braucht seinen genauen Ablauf und Rhythmus.

Der Ablauf von Surya-Namaskara

Seit alters her wird die Sonne in Indien mit einer Verbeugung bis zum Boden geehrt. Diese symbolisiert ihren Lauf. Surya-Namaskara ist eine Verbeugung an die Sonne nach dem richtigen Ablauf des Vedischen Opfers. Pattabhi erklärt weiter:

Die Methode, um Surya-Namaskara auszuführen, wird auf verschiedene Weisen von verschiedenen Menschen beschrieben. Wir können nicht pauschal feststellen, welche korrekt ist, …
(The method for doing the Surya-Namaskara has been described in various ways by various people. We cannot categorical state what kind is correct, …)
[Yoga Mala, S37]

Yoga beruht vor allem auf persönlicher Erfahrung. Wir finden kein Dogma. Doch die Prinzipien von Surya-Namaskara werden unter den Yogis von Generation zu Generation weitergegeben:

… aber wenn wir uns auf die Wissenschaft des Yoga besinnen, erkennen wir, dass die Tradition von Surya-Namaskara den Prinzipien von Vinyasa gehorcht, bzw. dem System von mit dem Atem verbundenen Bewegungen. Die Bewegungen von Ausatmung (Rechaka), Einatmung (Puraka) und Meditation. Nach den Schriften umfasst diese Tradition: Vinyasa, Rechaka, Puraka, Dhyana, Drishti und Bandha.
…but when we reflect on the science of Yoga, we see that the tradition of the Surya-Namaskara follows, in the main, the method of Vinyasa, or breathing and moving system, the movements of Rechaka or exhalation, Puraka, or inhalation, and meditation. According to the Shastra, this tradition includes: Vinyasa; Rechaka and Puraka; Dhyana [meditation]; Drishti [sight, or gazing place]; and the Bandhas [muscle contractions, or locks].
[Yoga Mala, S 37]

Verbindung von innerer mit äußerer Sonne

Die Sonne ist ein äußeres Feuer, das einen wohlgeordneten Lauf nimmt. Ein perfektes vedisches Opferfeuer sozusagen. In Surya-Namaskara kommen äußeres Feuer und inneres Feuer zusammen. Beide laufen in geordneter Bahn - das vedische Opfer gelingt. Gesundheit und Unsterblichkeit ist das Resultat dieser Zusammenkunft. In der Veda erlangen auch die Götter selbst erst durch ein Opfer ihre Unsterblichkeit. Sie opfern in ihrem inneren Feuer alle negativen Eigenschaften. Für uns Menschen klingt "Unsterblichkeit" zunächst nach einem großen Versprechen. Nach dem Verständnis des Veda bedeutet "Unsterblichkeit", nicht vorzeitig zu versterben. Die Zeit eines Menschenlebens wird hier mit 100 Jahren angegeben. So wie das Feuer zum Opfer gehört, so ist die Sonne untrennbar mit dem Namaskara verbunden. Daher gibt es im Yoga nur einen Gruß an die Sonne. Die indische Mythologie hält viele Götter bereit. Doch sie werden im Yoga nicht mit einem Namaskara verehrt. Pattabhi erklärt wieder:

Und dies allein ist die Methode, die für Surya-Namaskara befolgt werden soll, die Yogis aus ihrer Erfahrung heraus erklären. Der Sonnengruß ohne die oben erklärten Regeln ist wenig mehr als Gymnastik und kein echtes Surya-Namaskara.
And this alone is the method which should be followed when learning the Surya-Namaskara, as yogis declare from experience. Indeed, the Sun Salutations done without following the rules mentioned above are little more than exercise, and not true Surya-Namaskara.
[Yoga Mala, S37]

Das Bhadram Shanti Mantra - Dr. Ronald Steiner 31.7.2015

Gesungen im Rahmen der AYI Advaned Ausbildung.