Saṁskr̥t ist die Sprache für rein mündlich überlieferte Weisheit. Erst später entwickelte sich für ihre melodischen Laute ein Schriftsystem, Devanāgarī.

Philosophie und Tradition

Saṁskr̥t - die Wissenschaft des Klanges

Die Sprache Saṁskr̥t wird oft auch deva-bhāṣā, zu deutsch “Sprache der Götter” genannt [SCHNELLER 1821: 1058]. Das Wort Saṁskr̥t stammt von der Wurzel √kr̥ (“tun, machen”) und dem Präfix “sam” (“zusammen, vereint, vollendet”). Wir können das Wort Saṁskr̥t als “die vollendet gemachte [Sprache]” übersetzen. Manche bezeichnen Saṁskr̥t auch als die „Wissenschaft des Klangs“.

Tatsächlich ist Saṁskr̥t eine bewusst geschaffene Sprache. Es war den Erfindern des  Saṁskr̥t ein Anliegen, die menschliche Sprache zu veredeln und so zu gestalten, dass der Klang der Worte mit dem bezeichneten Objekt übereinstimmt.

Saṁskr̥t ist die älteste Ableitung einer Ursprache, die bis heute genutzt wird. Die dem  Saṁskr̥t  vorangehende Ursprache ist im indo-europäischen Raum entstanden und bestand im wesentlichen aus lautmalerischen Verben. Das heißt, die Menschen konnten damals Tätigkeiten nennen, indem sie deren Klang mit der Stimme nachahmten. Diese Urklänge sind bis heute in den Worten des Saṁskr̥t wieder zu erkennen. Somit verbindet die Sprache die wörtliche Bedeutung eng mit dem Klang eines Wortes.

Im Ergebnis verbindet Saṁskr̥t den unmittelbaren lautmalerische Bezug einer Ursprache mit der grammatikalischen Vielfalt einer Hochsprache. Saṁskr̥t bietet so unendliche Möglichkeiten, Zusammenhänge vielschichtig, klar oder mehrdeutig auszudrücken.

Briggs erklärt in seinem Artikel für die NASA von 1985 im Rahmen von NASAs Bemühungen eine passende, “künstliche” Sprache für das Computerzeitalter zu entwickeln, Saṁskr̥t als die einzige menschliche Sprache, die vollständig unmissverständlich sei [BRIGGS 1985: 1-8].

Die Tradition der mündlichen Überlieferung

Saṁskr̥t diente u.a. deshalb als Sprache für heilige und philophische Inhalte, weil die Gelehrten mit dem Saṁskr̥t die Möglichkeit hatten, ihr Wissen in harmonischen, rhythmischen Kompositionen zusammen zu fassen. So konnten sie das Wissen leicht auswendig lernen und es von Generation zu Generation weitertragen.

Die älteste uns bekannte Komposition dieser Art ist der R̥gveda (“Das Wissen der Verse”). Indologen schätzen seine Entstehung auf etwa 1500 v. u. Z. Einzelne Hymnen könnten sogar einige Jahrhunderte älter sein [WITZEL 2007]. Tatsächlich wurde der R̥gveda  über Jahrtausende hinweg rein mündlich überliefert.

Der Linguist und Grammatiker Pāṇini untersuchte im 5. Jh. v. u. Z. die im Saṁskr̥t bis dahin genutzte Grammatik und Phonologie. Auf seinen Beobachtungen basiert sein Regelwerk über Grammatik und Aussprache, die als älteste Grammatik überhaupt gilt. Auch sie wurde zunächst rein mündlich weitergetragen.

Der Sprachwissenschaftler Stahl stuft Pāṇinis Theorie der „morphologischen Analyse“ einer Sprache als wesentlich fortgeschrittener ein, als jede vergleichbare westliche Sprachtheorie vor dem 20. Jh. N. u. Z. [STAHL 1988:47].

Von der Sprache zur Schrift

Erst viel später bekam die Saṁskr̥t-Sprache auch eine Schrift. Ihre genaue Entwicklung ist vielschichtig und verzweigt und beinhaltet mehr als ein Dutzend Zwischenschritte.

In diesem Artikel konzentrieren wir uns jedoch auf die wichtigsten Entwicklungsstationen der indischen Schrift:

  • Wir beginnen bei der ältesten Schrift namens Brāhmī - 3. Jh. v. u. Z.
  • über die Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift, - 2.-3. Jh. n. u. Z.
  • Gupta-Schrift, - 3. Jh. n. u. Z.
  • Nagārī 7. Jh. n. u. Z.
  • bis wir bei der heute noch verwendeten Schrift Devanāgarī angelangen.

Damit möchten wir die wesentlichen Entwicklungen der heute am weitesten verbreiteten Schrift für die Saṁskr̥t-Sprache nicht nur sichtbar, sondern auch begreifbar machen.

Ein kaiserlicher Auftrag: Die Brāhmī-Schrift

Im 3. Jh. v. u. Z. eroberte Kaiser Aśoka systematisch immer größere Gebiete, bis sein Reich schließlich fast ganz Indien umfasste. Ein Schriftsystem wurde nötig, um Nachrichten seiner Eroberungen, aber auch den buddhistischen Glauben in seinem ganzen Reich zu verbreiten.

Man vermutet, dass die damals entstehende Brāhmī-Schrift ein gezieltes Auftragswerk dieses Kaisers war. Gelehrte Indiens scheinen auf sein Geheiß systematisch eine neue, eigene Schrift nach Vorbildern anderer Länder entwickelt zu haben. Die so entstandene Brāhmī-Schrift wurde von der aramäischen, phönizischen und auch griechischen Schrift inspiriert. 

Aśoka ließ in ganz Indien Säulen mit Löwenkapitellen errichten, die seine Edikte im ganzen Reich verkündeten. So sind uns viele dieser Texte bis heute erhalten (Bild 1).

Während die Schrift einheitlich Brāhmī ist, finden sich auf einer einzelnen Säule oft mehrere Sprachen vereint. Pali, Aramäisch, Griechisch und Magadisch waren im Kaiserreich weit vertretene Sprachen. Sie finden sich so auf diesen Inschriften wieder (Bild 2).

Eine unerwartete Entdeckung der Turfan-Sammlung: Die Kuṣāṇa-Brāhmī-Schrift

1906 machte der deutsche Indologe Prof.Moritz Spitzer einen erstaunlichen Fund: Er entdeckte das älteste Schriftstück in der Saṁskr̥t-Sprache. Es stammt aus dem 2-3. Jh. n. u. Z. Das Schriftbild ist das der Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift. Diese ist eine Weiterentwicklung der Brāhmī-Schrift.
Das von Prof.Spitzer entdeckte Manuskript besteht aus 1000, meist sehr kleinen, Fragmenten, die überwiegend philosophische Themen behandeln wie z.B. die Allwissenheit des Buddha. Auch einige Auszüge aus den Upaniṣaden, Vaiśeṣika-Theorie über die Grundbausteine der Materie (guṇa) und die Widerlegung eines personifizierten Gottes [FRANCO 2004: 21-29] sind zu finden.

Viele buddhistische Texte sind in der  Kuṣāṇa-Brāhmī Schrift verfasst. Einige der ältesten buddhistischen Texte über das Leben, Wirken und die Lehren des Tathāgata, des “So-gegangenen” oder Buddhas, sind uns in dieser Schrift erhalten. Wie zum Beispiel das Daśabalasūtra, die „Lehrrede (mit der Auflistung) der zehn Kräfte (des Tathāgata)“ (Bild 3).

Alle diese Schriften sind Teil der Turfan-Sammlung, die auf der deutschen Turfanexpedition (1902-1914) entdeckt wurden. Insgesamt umfasst die Sammlung über 40.000 Handschriften und Handschriften-Fragmente und befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin.

Die Entdeckung der Turfan-Schriften war für die Indologie ein Schlüsselmoment. Die Texte vertreten meist eine buddhistische Sichtweise. Sie behandeln jedoch auch christlich-nestorianische, manichäische und säkuläre Themen. Sie sind in 16 verschiedenen Sprachen und 26 verschiedenen Schriftarten verfasst. So stellen sie wertvolle Quellen zur Erforschung der Entwicklung von Sprache und Schrift in Indien dar. [ZATURPASKIJ 1912: 116-127].

Die Variante einer neuen Dynastie: Die Gupta-Schrift

Zweihundert Jahre später breitete sich in Nord- und Mittelindien die Gupta-Dynastie aus. Aus der Brāhmī-Schrift entstand mit der Gupta-Schrift eine neue Variante. Der im Aśoka-Reich dominierende Buddhismus wurde nun zunehmend wieder vom Hinduismus abgelöst.

Folglich wurden auch die alten, in  Saṁskr̥tverfassten vedischen Texte wieder mit Interesse gelesen. Entsprechend finden wir ab dem 3. Jh. n. u. Z. zunehmend schriftliche Saṁskr̥t-Kompositionen in Gupta-Schrift. Die Nähe dieser Schrift zum späteren Devanāgarī ist schon deutlich erkennbar (Bild 4).

Laut Srivastava hat die Gupta-Schrift bis zu fünf verschiedene Varianten, die im Gupta-Reich verwendet wurden [SRIVASTAVA 1998]. Die Gupta-Schrift bezeugt ein Übergangsstadium zwischen Brāhmī- und der Nāgarī- Schrift. Ein Vergleich mit vorausgehenden und späteren Schriften zeigt eine gut nachvollziehbare Entwicklung.

Neue Entwicklung aus dem Osten:  Nāgarī

Aus einer östlichen Variante der Gupta-Schrift entstand die Nāgarī-Schrift. Im Gegensatz zur Gupta-Schrift nutzten die Gelehrten dieser Zeit die neue Nāgarī-Schrift fast ausschließlich zum Schreiben von religiösen oder philosophischen Texten in der Saṁskr̥t-Sprache.

Zur Zeit der Entwicklung von Nāgarī veränderten sich die Schreibwerkzeuge und Materialien. Sie wurden feiner und filigraner. So zeigen die Zeichen eine schwungvollere Linienführung. Die Nāgarī-Schrift liegt damit in der Gestalt bereits sehr dicht an der darauf aufbauenden Devanāgarī-Schrift.

Der Name “Nāgarī” stammt wohl vom Namen “Nāgara”, einem Titel dem man der Stadt Pāṭaliputra gegeben hatte. Heute trägt diese Stadt den Namen Pranta und ist Hauptstadt des indischen Bundesstaates Bihar.

Die älteste steinerne Inschrift in Nāgarī befindet sich in Gujarat. Indologen datieren sie auf eine Zeit zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert n. u. Z..  Ab dem 7. Jh. n. u. Z. war die Nāgarī-Schrift weit in ganz Indien verbreitet (Bild 5).

Die heutige Schriftform: Devanāgarī

Ab dem 11. Jh. n. u. Z. entwickelte sich aus Nāgarī die Devanāgarī-Schrift [MYLIUS 1988: 14]. Die Schrift eignet sich besonders gut um die Feinheiten der Aussprache präzise wiederzugeben. Wer mit Devanāgarī vertraut ist, dem fällt es relativ leicht viele Aussprache Besonderheiten der Saṁskr̥t-Sprache flüssig zu lesen.

Zugleich ist diese Schrift platzsparend. Das ist hilfreich um sie auf den fragilen Palmblättern zu notieren. Ästhetik ist zwar subjektiv, doch empfinden viele Menschen die geschwungenen Bögen und geraden Verbindungslinien als wunderschön. Das Schreiben selbst nutzten die Menschen der damaligen Zeit und bis heute als meditative Übung. Das bis heute für die Saṁskr̥t-Sprache weit verbreitete Devanāgarī war entstanden (Bild 6).

Eine Schrift für viele Sprachen

Die Devanāgarī-Schrift ist bis heute in Gebrauch und die meistverbreitete Schrift Indiens. Als präzise Lautschrift eignet sie sich nicht nur für das Niederschreiben der Saṁskr̥t-Sprache. Heute ist Devanāgarī  gebräuchlich für Hindi, Marathi, Nepali und viele weiteren lokalen Sprachen Indiens.

Nicht jedes Schriftstück in Devanāgarī muss daher Saṁskr̥t sein. Können wir die Schrift jedoch lesen, so können wir den Text in korrekter Aussprache wiedergeben. Das Verständnis des Inhaltes ist dann der nächste Schritt.

Die Klänge des Saṁskr̥t in vielen Schriften

Umgekehrt gab es stets mehrere parallel genutzte Schriften, um die Klänge der Saṁskr̥t-Sprache zu notieren. In vielen Gebieten Indiens entstanden eigene Schriften. Die Bewohner dieser Gebiete nutzten daher ihre Lokal-Schrift auch für die Saṁskr̥t-Sprache.

Wir machen es im Westen heute nicht anders. Wir notieren die Klänge des Saṁskr̥toft in römischen Buchstaben. Da unser römisches Alphabet nur 26 Buchstaben hat, die Saṁskr̥t-Sprache jedoch über 50 Laute, können wir erst durch Hinzufügen von Laut-Zeichen, sogenannten diakritischen Zeichen, die Aussprache ohne Verlust notieren.

In jedem Fall ist die Devanāgarī-Schrift die traditionell gebräuchliche Möglichkeit, um die Klänge der Saṁskr̥t-Sprache präzise wiederzugeben. Daher lohnt es sich für uns sich ein wenig mit dieser Schrift zu beschäftigen.

Viel Freude beim meditativen Schreiben und Lesen!

Literaturverzeichnis

  • Briggs, Rick: Knowledge Representation in Sanskrit and Artificial Intelligence. In: AI Magazine, Vol. 6. California: Moffet Field, 1985.
  • Franco, Eli (Ed.): The Spitzer Manuscript. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2004.
  • Hartmann, Jens-Uwe; Wille, Klaus: Apotropäisches von der Seidenstraße: eine zweite 'Löwenhandschrift'. In: Franco, Eli (ed.): From Turfan to Ajanta : Festschrift for Dieter Schlingloff on the Occasion of his Eightieth Birthday. Vol. 1. Bhairahawa, Rupandehi: Lumbini International Research Institute. S. 365-388, 2010.
  • Mylius, Klaus: Geschichte der altindischen Literatur. Bern: Fischer Scherz, 1988.
  • Schneller, Julius: Kenntnis und Wissenschaft im Ursprung: Sprache - Sanskrit. In: Conversationsblatt. Zeitschrift für wissenschaftliche Unterhaltung, Band 6, S. 1057-68, 1821.
  • Staal, Frits: Universals: studies in Indian logic and linguistics. University of Chicago Press, 1988.
  • Srivastava, Anupama: The Development of Imperial Gupta Brahmi Script. New Delhi: Ramanand, 1998.
  • Witzel, Michael & Goto, Toshifumi: Rig-Veda: Das heilige Wissen, Erster und zweiter Liederkreis. Verlag der Weltreligionen, 2007.
  • Zaturpanskij, Choros  (i. e. A. v. Le Coq): Reisewege und Ergebnisse der deutschen Turfanexpeditionen, Orientalisches Archiv 3, S. 116-127, 1912.

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    johannes_schwinn@web.de

    am 21.01.2020

    Super Artikel! Super Artikel!

    • Wau. Vielen Dank.
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