Die Extrazelluläre Matrix (ECM) - Unser innerer Ozean!

Die Extrazelluläre Matrix (ECM) umhüllt jede Zelle unseres Körpers und versorgt sie mit Nährstoffen. Fülle mit dieser Yoga-Übungsstrecke diese Nährlösung wieder auf. So können die Fasern Deines Fasziennetzes wieder weich durch den Flüssigkeitsfilm gleiten. Deine Muskeln werden geschmeidig.

Yogatherapie verstehen

Ursprünge des Lebens

Betrachtet man die Geschichte der Entstehung des Lebens, so können wir beobachten, dass die Lebewesen Schritt für Schritt immer komplexer wurden. Zunächst bewegten sich einzellige Organismen durch den Ozean. Sie erhielten ihre Nährstoffe aus dem salzhaltigen Wasser. Als sich aus Einzellern dann mehrzellige Organismen bildeten, entstand ab einem gewissen Zeitpunkt die Notwendigkeit, die umhüllende Nährlösung mit nach innen zu nehmen.

Mit zunehmender Komplexität der Lebewesen konnten diese ihre innere Nährlösung auch immer genauer regulieren. Schließlich nahmen Lebewesen ihre Nährlösung, ihren „inneren Ozean“, mit an Land. Diese Nährlösung trägt den Namen Extrazelluläre Matrix. Da wissenschaftliche Veröffentlichungen weitgehend englischsprachig stattfinden, ist die englische Abkürzung ECM, für Extracellular Matrix, international üblich.

Die Extrazelluläre Matrix und Faszien

Neben der Nährlösung, in der die Zellen schweben, benötigt ein komplexer Organismus noch Fasern, die diese Zellen zusammenhalten und ihnen Form geben. Faszien übernehmen diese zweite für komplexere Lebewesen so essentielle Aufgabe.

Es ist bezeichnend, dass es die gleichen Zellen sind, die einerseits Bausteine für Faszien produzieren und andererseits die Extrazelluläre Matrix regulieren. Sie tragen den Namen Fibroblasten. Die Extrazelluläre Matrix und unser Fasziensystem hängen also eng miteinander zusammen. Die Matrix gibt unserem Organismus Nährstoffe und Weichheit, die Fasern der Faszien Zusammenhalt und Stabilität.

Trocknen wir aus?

Auch wir Menschen tragen diese Nährlösung in uns. Bei Kindern beträgt der Wasseranteil des Körpers noch über 80%. Mit zunehmendem Alter trocken wir jedoch mehr und mehr aus. Im Alter beträgt der Wasseranteil oft nur noch 50%. Etwa ein Drittel dieser Flüssigkeit umspült als Extrazelluläre Matrix unsere Zellen und ernährt diese.

Während im Laufe des Lebens die Nährlösung abnimmt, werden folglich die Zellen unseres Körpers zunehmend schlechter mit Nährstoffen versorgt. Ihnen fehlen dann die Bausteine für ihre Aufgaben und um sich selbst zu erneuern.

Auch die in der Extrazellulären Matrix befindlichen Faserzüge benötigen für ihre natürliche Kraftübertragung, ihr Gleiten und ihre Elastizität diese Flüssigkeitsschicht zwischen den Zellen. Unser Fasziennetz wird also mit zunehmendem Austrocknen der Extrazellulären Matrix spröde und verletzungsanfälliger.

Fülle Deinen inneren Ozean

Doch genau das muss nicht sein. Wir können dieses Austrocknen aktiv verlangsamen und so Verletzungen vorbeugen und unserer Gesundheit etwas Gutes tun. Ein wichtiger Baustein ist hierfür die Ernährung. Viel Trinken alleine reicht dabei jedoch nicht aus. Denn die Extrazelluläre Matrix bindet die Flüssigkeit durch Elektrolyte und spezielle langkettige Polysaccharide, also eine Unterklasse der Kohlenhydrate.

Diese Glycosaminoglycane, also speziell aufgebaute Polysaccharide, umfassen unter anderem die Moleküle Heparinsulfat, Hyaluronsäure, Keratansulfat, Chondroitinsulfat und Dermatansulfat. Mit Proteinen oder anderen Glycosaminoglycanen entstehen noch größere Makromoleküle, die Proteoglycane. In den weit verzweigten Ästen dieser Moleküle bleibt die Flüssigkeit im Gewebe gebunden.

Um unsere so wichtige Extrazelluläre Matrix zu füllen benötigen wir daher nicht nur Wasser, sondern Flüssigkeit mit reichlich Elektrolyten und den für die Bildung von Glycoasminoglycanen notwendigen Bausteinen. Diese Bausteine können wir über unsere Nahrung aufnehmen, denn nicht nur der Mensch verfügt über eine ECM, sondern auch Pflanzen.

Ich empfehle daher reichlich frisches Obst und Gemüse. Bei frisch gepressten Säften und Smoothies wird die Zellstruktur mechanisch geöffnet. Unerhitzt bleiben die Moleküle der pflanzlichen Zellflüssigkeit und der pflanzlichen Extrazellulären Matrix in ihrem natürlichen Zustand. So sind sie für uns leicht aufnehmbar und verwertbar. Sie versorgt uns mit allen Nährstoffen, die auch für die Bildung unserer Extrazellulären Matrix notwendig ist.

Doch nicht nur die Ernährung spielt eine Rolle für eine gut gefüllte und nährstoffreiche Extrazelluläre Matrix. Die Gesundheit und Aktivität der produzierenden Zellen, den Fibroblasten, ist verantwortlich für die stete Erneuerung und das Auffüllen dieser Nährlösung.

Geschmeidige Faszien

Die Fibroblasten stellen nicht nur die Glycosaminoglycane für den Extrazellulärraum her, sondern auch die Faserbestandteile des Fasziennetzes. Sie produzieren Kollagen und Elastin-Fibrillen und geben sie in den Extrazellulärraum ab. Dort verwinden sich die einzelnen Bausteine, entsprechend ihrer elektrischen Ladung, zu langen dreifach helikalen Röhren (Autoassemblierung). So durchzieht ein stabiles Netz die Extrazelluläre Matrix. Es gibt den Zellen den nötigen Halt.

Doch die Fibroblasten haben noch weitere Funktion. Bei psychischem Stress, Entzündungen und Übersäuerung der Extrazellulären Matrix wandeln sie sich in sogenannte Myofibroblasten um. Nun saugen sie die Kollagenfasern wieder in sich hinein. So straffen sie das Fasziennetz.

Sicher kennst Du den Effekt, dass Dein ganzer Körper bei Stress fest wird. Im Urlaub wird er dagegen plötzlich weich und beweglich. Eine Yogastunde kann ein kleiner Kurzurlaub sein und dazu beitragen, die Myofibroblasten zu deaktivieren und so dem faszialen Netz seine weiche Geschmeidigkeit zurückgeben.

Die Myofibroblasten lassen sich durch Entspannung buchstäblich „ausknipsen“ und sind dann nur noch Fibroblasten. Sie bauen also weiterhin Kollagen und die ECM auf, ziehen aber keine Kollagenfasern mehr in sich hinein. Das allerdings nur so lange, bis sie wieder aktiviert werden und dann wieder zu Myofibroblasten werden - und es somit Zeit für den nächsten Yoga-Kurzurlaub ist!

Übungsstrecke

Diese Übungsstrecke ist dafür konzipiert, die Extrazelluläre Matrix zu erneuern und den faszialen Zügen ihre natürliche Elastizität zu geben. So trägst Du dazu bei, dass ausreichend Nährflüssigkeit produziert wird und Deine Faszien geschmeidig gleiten.

Basische Atmung

Komme in einen aufrechten Stand oder Sitz. Atme kraftvoll, tief und relativ zügig ein. Lasse den Atem dann mit einem passiven Loslassen wieder heraus. Wiederhole dieses tiefe Ein- und Ausatmen ca. 10 bis 50 mal bis sich ein leichtes Schwindelgefühl einstellt. Atme dann normal weiter und fahre mit der folgenden Übung fort.

Um noch tiefer zu atmen, kannst Du Deinen ganzen Körper zur Hilfe nehmen. Dann hebst Du mit der Einatmung Deine Arme und senkst sie mit der Ausatmung. Manche Menschen kommen hierbei sogar in ein leichtes Springen. Achte jedoch darauf, dass die körperliche Bewegung lediglich zur Unterstützung der Atmung dient und kein Selbstzweck ist. (Bild 1 und 2).

Achtung: Bitte führe diese Übung zunächst im Sitzen aus, damit Du, sollte sich Schwindel einstellen, nicht weit fällst.

Effekt: Durch das schnelle Atmen wird vermehrt Kohlendioxid abgegeben. Das Blut wird dadurch basisch. Der steigende PH-Wert im Blut überträgt sich auf die Flüssigkeit in der Extrazellulären Matrix. Für Myofibroblasten ist das ein Signal, die eingezogenen Kollagenfasern wieder loszulassen und so das fasziale Netz zu entspannen.

Klopfmassage

Wahlweise mit angehaltenem Atem oder fließend weiteratmend klopfst Du mit der Handfläche oder den Fäusten auf Deinen Körper. Wähle dabei die Kraft des Klopfens so, dass Dein Gewebe in Bewegung kommt, jedoch keine blauen Flecke entstehen. Klopfe auf diese Weise Deinen gesamten Körper ab. Schließe dabei vor allem Bereiche mit ein, an denen, beispielsweise nach einer Verletzung, das Bindegewebe vernarbt oder verklebt ist. Wenn sich Dein gesamter Körper wohlig und warm anfühlt, wechsele zur nächsten Übung (Bild 3 und 4).

Effekt: Unsere Zellen sind durch die Fasern des Fasziensystems zusammengehalten und liegen in einer Nährlösung, der Extrazellulären Matrix. Für eine gute Versorgung der Zellen mit Nährstoffen ist etwas Bewegung in dieser Extrazellulären Matrix notwendig.

Längsfriktionen

Suche Dir nun eine Region am Körper aus, die Dir heute besonders wichtig ist. Vielleicht eine Region, an der Du eine Verletzung hattest. Kenntnisse über den Verlauf der Faszienzüge sind für diese Übung zwar hilfreich, doch durch das Gespür Deiner Finger findest Du deren Bahnen auch intuitiv. Im Allgemeinen verlaufen sie längs der Hauptkonturen unseres Körpers.

Setze nun einen Finger an und streiche mit sanftem Druck entlang dieser Bahn über die von Dir gewählte Körperstelle. Selbst ein nur oberflächliches Längsreiben hat den gewünschten Effekt. Entscheide Dich jedoch für eine Richtung und behalte diese bei. Meist bewährt es sich, vom Körperzentrum wegzustreichen. Wiederhole das Ausstreichen einige Male (Bild 5).

Effekt: Bereits ein sanftes Ausstreichen erzeugt eine leichte elektrische Ladung. Die Kollagenfibrillen, die Bausteine unserer Faszien, sind ebenfalls elektrisch geladen. So richten sie sich wie Kompassnadeln entlang der Streichrichtung aus. Diese simple Übung ist sehr effektiv, gerade nach Verletzungen. Denn beim Heilen von gezerrten oder gar gerissenen Faszienzügen lagern sich die Kollagenfasern zunächst eher zufällig aneinander. So ist die Region auch nach der Heilung zunächst weniger belastbar. Durch das Ausstreichen nähern sich die Fasern wieder ihrem natürlichen Verlauf an und gewinnen an Belastbarkeit.

Faszienlift

Hebe nun an der von Dir zuvor gewählten Region Deine Haut mit Deinen Fingern leicht an. Etwa so, als wolltest Du Dich selbst zwicken. Es hat sich bewährt, die Hautfalte quer zur zuvor ausgestrichenen Richtung zu bilden. Bewege diese Hautfalte mit Deinen Fingern über die gewählte Region.

Wenn es Dir nicht möglich ist, Deine Haut leicht anzuheben, kann das an der natürlichen Beschaffenheit Deines Bindegewebes liegen. Dann schiebe einfach mit zwei Fingern Deine Haut kreisend über die darunter liegenden Schichten. Wandere einige Male mit der Hautfalte auf und ab (Bild 6).

Effekt: Das Anheben und auch die Alternative, das kreisende Schieben, erzeugt einen Unterdruck im Flüssigkeitsfilm der Extrazellulären Matrix. So wird diese zwischen den Faszienzügen durchgezogen. Neue Nährstoffe kommen zu den Bindegewebszellen und Entzündungsmediatoren werden rasch weggespült. Diese Übung hilft gegen bei Entzündung an einem Faszienzug oft schneller und effektiver als eine Schmerztablette.

Entspannung

Komme nun abschließend in Deine Entspannungslage (Shavasana). Klassisch ist diese eine Rückenlage mit den Füßen etwa 20 cm auseinander und den Händen mit den Handflächen nach oben etwa 20 cm neben dem Körper (Bild 7).

Wähle jedoch gerne eine andere, für Dich passendere Haltung, wenn Dir dies angenehmer ist. Genieße die Entspannung für mindestens 7, besser 20 Minuten.

Effekt: Auch wenn die vorherigen Übungen sanft wirken, so haben sie doch einen tiefen Effekt auf unseren gesamten Körper. Eine gute Entspannung zum Abschluss hilft, die Wirkungen optimal zu entfalten. Nach dieser Vorbereitung geben die Myofibroblasten in der Entspannung besonders leicht die Faserzüge frei. Dein fasziales Netz wird wieder federnd weich.

Viel Freude beim Üben!

Lehrer: Dr. Ronald Steiner
Yogini: Kumiko Weber Sakaguchi
Fotograf: Paul Königer
Kleidung: OGNX

Nachrichten und Bewertungen

Deine Bewertung:

  • Ein sehr interessanter aufklärender und fesselnder
    Beitrag , man vergisst die Zeit :) Ein sehr interessanter aufklärender und fesselnder
    Beitrag , man vergisst die Zeit :)

    • Liebe Maria,
      ohhh was für ein schönes Lob. Ganz herzlichen Dank. Wie schön, dass Du für Dich etwas aus dem Artikel ziehen konntest. Wir freuen uns mit weiteren Artikeln daran anknüpfen zu können.
       [...] Liebe Maria,
      ohhh was für ein schönes Lob. Ganz herzlichen Dank. Wie schön, dass Du für Dich etwas aus dem Artikel ziehen konntest. Wir freuen uns mit weiteren Artikeln daran anknüpfen zu können.
      Liebe Grüße, Ines (AYI Team)

  • Ein super Artikel! Nach dem MTC Schulter wollte ich nochmal wissen, was eigentlich „Längsfriktionen“ sind - und habe nun diesen Beitrag gefunden, der mir sehr für meine Vertiefung hilft. Danke, Ron! Ein super Artikel! Nach dem MTC Schulter wollte ich nochmal wissen, was eigentlich „Längsfriktionen“ sind - und habe nun diesen Beitrag gefunden, der mir sehr für meine Vertiefung hilft. Danke, Ron!

  • In der Tat eine meiner absoluten Lieblings-Yoga-Therapie Übungssequenzen zur Zeit. :) In der Tat eine meiner absoluten Lieblings-Yoga-Therapie Übungssequenzen zur Zeit. :)

  • So, wie wir alles von Ron kennen: Kompetent, verständlich und gut erklärt! danke dafür!!! So, wie wir alles von Ron kennen: Kompetent, verständlich und gut erklärt! danke dafür!!!

Teilen
X
Kontakt Warenkorb
X
Dein Warenkorb wird geladen...
Menü