Mythologie: Naṭarāja ist Śiva als „König des Tanzes“. Sein kosmischer Tanz, der tāṇḍava, steht für den Rhythmus von Schöpfung, Erhalt und Auflösung: Was entsteht, wird geformt, was trägt, wird bewahrt, und was dem Gleichgewicht nicht mehr dient, wird aufgelöst. Diese Auflösung ist kein Zerstören aus Wut, sondern ein Klären – Raum wird frei, damit Neues entstehen kann. In dieser Symbolik liegt ein Praxis-Hinweis: Du hältst eine klare Mitte, während sich außen Bewegung, Weite und Intensität entfalten. Naṭarājāsana erinnert daran, dass Stabilität aus einem ruhigen Zentrum kommt, das loslassen kann, was Spannung erzeugt und Ordnung stört.
Im traditionellen Count: Beginne aus Samasthitiḥ.
Vinyāsa 1 – Einatmung:
Strecke den rechten Arm horizontal nach vorne. Zeige- und Mittelfinger sind ausgestreckt, die anderen Finger gebeugt. Hebe mit der Einatmung das gestreckte rechte Bein mit etwas Schwung nach vorne und fange den großen Zeh mit den beiden Fingern ein.
Vinyāsa 2 – Ausatmung, 5 Atemzüge:
Führe mit der Ausatmung das Bein zur Seite, wie in Utthita Pārśvasahita aus der ersten Serie. Atme weiter aus, beuge das Knie und den rechten Ellenbogen. Mit der Einatmung streckst Du das Knie gegen die Hand weg, sodass eine öffnende Bogenspannung entsteht. Löse die linke Hand von der Hüfte und strecke den linken Arm horizontal nach vorne. Verweile bis zur fünften Ausatmung.
Tipp: Der Wechsel vom seitlichen Griff in die Rückbeuge braucht Übung. Greife dafür zunächst die Außenkante des Fußes zwischen Daumen und Zeigefinger; die Handfläche zeigt nach außen, der Daumen nach oben. Beuge das Knie und rotiere das Bein nach hinten, während Du den Ellenbogen beugst und nah an der Flanke hältst. So kannst Du den großen Zeh in Richtung Schulter führen. Von dort lässt sich der Ellenbogen deutlich leichter anheben, und der Griff bleibt stabil.
Vinyāsa 3 – Einatmung:
Löse mit der Einatmung den Griff am Fuß. Strecke die rechte Hand nach vorne und fasse den großen Zeh analog zu Vinyāsa 1 erneut.
Vinyāsa 4 – Ausatmung:
Stelle den Fuß ab und komme zurück nach Samasthitiḥ.
Vinyāsa 5–7 und Samasthitiḥ:
Wiederhole den Ablauf auf der zweiten Seite. Bis Du erneut im neutralen Stand angelangst.
Im traditionellen Count: Der Bewegungsfluss läuft von hier direkt in die nächste Haltung weiter.
Wirkung: Naṭarājāsana öffnet die Vorderseite der Hüfte und den Quadrizeps des gebeugten Beins, mobilisiert Brustkorb und Schultergürtel und schult gleichzeitig Standfestigkeit und Gleichgewicht. Richtig aufgebaut entwickelt die Haltung eine stabile, weite Rückbeuge.
Fotograf: Richard Pilnick - www.richardpilnick.com
Dr. Ronald Steiner
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