Durch Unterscheidungskraft (viveka) entsteht wahrhaft absichtsloses Handeln. Daraus erwächst vollkommene Einheitswahrnehmung (samādhi). In diesem Zustand kommen selbst die leidbringenden Kräfte (kleśa) und die Grundwebfäden der Natur (guṇa) zur Ruhe.

Yoga Sutra 4: Über innere Freiheit
prasaṁkhyāneLokativ Absulotiv Singular
prasaṁkhyānaSubstantiv Maskulin
völlige Klarsicht
prasaṁkhyānaSubstantiv Neutrum
praPräfixsamPräfixkhyāVerb
völlige Klarsicht, Meditation
praPräfixvorwärts, vorne
samPräfixzusammen, mit, völlig
khyāVerbbekannt sein, bekannt machen, erschauen, sehen
api
apiPartikel
sogar
apiPartikelsogar
akusīdasyaGenitiv Singular
aPräfixkusīdaSubstantiv Neutrum
ohne Gier
aPräfixVerneinung
kusīdaSubstantiv Neutrum
kuPartikelsadVerb
Anleihe, Ausleihen auf Zinsen, Wucher
kuPartikeldas Außerordentliche, Außergewöhnliche
sadVerbsitzen, sich niederlassen
sarvathā
sarvathāAdverb
immer, auf alle Weisen
sarvathāAdverb
sarvaAdjektiv
in allen Fällen, jedenfalls, durchaus
sarvaAdjektivalles
vivekakhyāteḥAblativ Singular
vivekakhyātiSubstantiv Feminin
Einsicht in die Unterschiedlichkeit
vivekakhyātiSubstantiv Feminin
vivekaSubstantiv MaskulinkhyātiSubstantiv Feminin
richtige Einsicht
vivekaSubstantiv Maskulin
viPräfixvicVerb
Scheidung, Sonderung, Trennung, Unterscheidung
viPräfixgetrennt, unterschiedlich, auseinander
vicVerbaussondern, sondern
khyātiSubstantiv Feminin
khyāVerb
das dafür halten, Bekanntheit, Ruf
khyāVerbbekannt sein, bekannt machen, erschauen, sehen
dharmaTatpuruṣa-Kompositum
dharmaSubstantiv Maskulin
Tugend, Aufgaben
dharmaSubstantiv Maskulin
dhr̥Verb
Sitte, Gesetz, Eigenschaft, Aufgabe, Opfer
dhr̥Verbhalten, tragen, stützen
meghasTatpuruṣa-Kompositum
meghaSubstantiv Maskulin
Wolke
meghaSubstantiv Maskulin
mihVerb
Wolke
mihVerbSamen, Urin oder Eier aussondern
samādhiḥNominativ Singular
samādhiSubstantiv Maskulin
vollkommene Einheitserfahrung
samādhiSubstantiv Maskulin
samPräfixādhiSubstantiv Maskulin
Zusammensetzung, Verbindung, Einheitserfahrung, Erleuchtungszustand
samPräfixzusammen, mit, völlig
ādhiSubstantiv Maskulin
āPräfixdhāVerb
Standort, Lage; Gedanken, Sorgen
āPräfixhin zu, nahe bei
dhāVerbsetzen, stellen, legen

Wenn Du völlige Klarsicht entwickelt hast (prasaṁkhyāna), kann Dich die vollkommene Einheitserfahrung (samādhi) sogar zu einem Segen (dharma-megha) für alle werden lassen. Voraussetzung dafür ist Deine fortwährende Unterscheidungskraft (viveka) und Freiheit von Gier (akusīda).

Dr. Ronald Steiner - moderner Transfer


Wenn sich völlige Klarsicht (prasaṁkhyāna) [eingestellt hat, wandelt sich] die vollkommene Einheitserfahrung (samādhi), durch fortwährende Einsicht in die Unterscheidungskraft (vivekakhyāti), sogar zu einer Wolke von Tugenden (dharma-megha), für den der ohne Gier ist (akusīda).

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich


Für ihn, der auch bei Anlegung [seines Kapitals] keine Interessen erwartet, wird, da auf alle Weise die Unterscheidung aufleuchtet, der Samâdhi zu einer [Wohltaten herabregnenden] Wolke von Tugenden.

Paul Deussen - 1908


If the ascetic is not desirous of fruit (or is not inert) even when the perfect knowledge has been attained (then) the meditation (technically called) Dharma-megha, could of virtue takes place from the entire discriminative knowledge.

James R. Ballantyne - 1852

tatasAblativ
taPronomen 3. Person
durch dieses
taPronomen 3. Persondieser, diese, dieses
kleśaDvandva-Kompositum
kleśaSubstantiv Maskulin
Leiden, Schmerzen, leidvolle innere Tendenzen
kleśaSubstantiv Maskulin
kliśVerb
Schmerz, Leiden, Beschwerde
kliśVerbplagen, quälen, leiden, Beschwerde empfangen
karmaTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
karmanSubstantiv Neutrum
Ursache und Wirkung, motiviertes Handeln
karmanSubstantiv Neutrum
kr̥VerbmanSuffix
Handlung, Werk, Tat, Ursache-Wirkung Beziehung
kr̥Verbtun, vollbringen, ausführen, bewirken
manSuffixKṛtikṛt-Suffix: Nomen Abstraktum
nivr̥ttiḥNominativ Singular
nivr̥ttiSubstantiv Feminin
stillstehen
nivr̥ttiSubstantiv Feminin
niPräfixvr̥tVerb
das Verschwinden, Aufhören, Unterbleiben
niPräfixinnen, nach innen, innerhalb, unten, zurück
vr̥tVerbsich drehen, rollen

Das aus dem Ego kommende Handeln (karma) und die leidbringenden inneren Kräfte (kleśa) kommen allmählich gemeinsam zur Ruhe.

Dr. Ronald Steiner - moderner Transfer


Dadurch [entsteht] ein Stillstehen des motivierten Handelns (karma) und der leidvollen inneren Kräfte (kleśa).

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich


Dann werden Plagen und Werke zunichte.

Paul Deussen - 1908


therefrom takes place removal of the affliction works.

James R. Ballantyne - 1852

tadā
tadāPartikel
dann
tadāPartikeldann
sarvaKarmadhāraya-Kompositum
sarvaAdjektiv
alles
sarvaAdjektivalles
āvaraṇaDvandva-Kompositum
āvaraṇaSubstantiv Neutrum
Bedeckung
āvaraṇaSubstantiv Neutrum
āPräfixvr̥Verb
Bedeckung, das Verhüllen, das Verdecken
āPräfixnahe, hin
vr̥Verbverhüllen, bedecken, umschließen
malaTatpuruṣa-Kompositum Genitiv
malaSubstantiv Neutrum
Unreinheit, Schmutz
apetaGenitiv Absulotiv Singular
apetaAdjektiv
verschwunden
apetaAdjektiv
apaPräfixiVerb
verschwunden
apaPräfixweg, fort, ohne; Vergleiche: Apokalypse
iVerbgehen, ausgehen, hingehen
jñānasaGenitiv Singular
jñānaSubstantiv Neutrum
Wissen, Kennen, Erkennen, Verstehen
jñānaSubstantiv Neutrum
jñāVerb ana |suff Neutrum
Wissen
jñāVerbwissen, kennen
anaSuffix NeutrumKr̥t-Suffix mit Guṇa-Stufe: bezeichnet eine Handlung
ānantyātAblativ Singular
ānantyaSubstantiv Neutrum
Ewigkeit, Endlosigkeit
ānantyaSubstantiv Neutrum
anantaSubstantiv Maskulin
Ewigkeit, Endlosigkeit
anantaSubstantiv Maskulin
anPräfixantaSubstantiv Maskulin
endlos
anPräfixVerneinung
antaSubstantiv MaskulinEnde
jñeyam Nominativ Singular
jñeyamAdjektiv
zu erkennend
jñeyamAdjektiv
jñāVerb
zu erkennend
jñāVerbkennen, wissen; erkennen
alpamNominativ Singular
alpaAdjektiv
gering
alpaAdjektivgering

Wenn Du Deinen Wahrnehmungsraum (citta) von Unreinheiten (mala) und Bedeckungen (āvaraṇa) befreit hast, bekommst Du Zugang zu unendlichem Wissen (jñāna).

Dr. Ronald Steiner - moderner Transfer


Wenn alle Unreinheiten (mala) und Bedeckungen (āvaraṇa) verschwunden [sind], [bleibt] aufgrund der Unendlichkeit des Wissens (jñāna), wenig zu erkennen [übrig].

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich


Dann ist, wegen der Unendlichkeit seines von allen Hindernissen und Flecken befreiten Wissens, alles sonst zu Erkennende ohne Bedeutung.

Paul Deussen - 1908


Then from infiniteness of the knowledge free from the impurity of all its abscurations, the knowable appears small.

James R. Ballantyne - 1852

tatasAblativ
taPronomen 3. Person
darauf
taPronomen 3. Persondarauf
kr̥taKarmadhāraya-Kompositum
kr̥taAdjektiv
gemacht
kr̥taAdjektiv
kr̥Verb
gemacht
kr̥Verbmachen, vollbringen, ausführen
arthānāmGenitiv Absulotiv Plural
arthaSubstantiv Maskulin
Zweck
arthaSubstantiv MaskulinZweck
pariṇāmaTatpuruṣa-Kompositum
pariṇāmaSubstantiv Maskulin
Umwandlung
pariṇāmaSubstantiv Maskulin
pariPräfixnamVerb
Umwandlung
pariPräfixum herum
namVerbsich beugen, sich verneigen vor
kramaTatpuruṣa-Kompositum
kramaSubstantiv Maskulin
Gang, Weg
kramaSubstantiv Maskulin
kramVerb
Schritt, Gang, Fuss, das Verfahren
kramVerbschreiten, gehen, zuschreiten auf
samāptiḥNominativ Singular
samāptiSubstantiv Feminin
Beendigung
samāptiSubstantiv Feminin
samPräfixāpVerb
Vollendung, Beendigung, Abschluss, Ende
samPräfixzusammen, mit, völlig
āpVerberreichen, einholen
guṇānāmGenitiv Plural
guṇaSubstantiv Maskulin
drei Grundeigenschaften der Natur, Faden einer geflochtenen Schnur
guṇaSubstantiv Maskulindrei Grundeigenschaften der Natur, Faden einer geflochtenen Schnur

Selbst die Grundbausteine der Natur (guṇa) kommen zur Ruhe. Sie haben nun ihren Zweck erfüllt.

Dr. Ronald Steiner - moderner Transfer


Weil der Zweck (artha) erfüllt [ist], [entsteht] hierdurch eine Vollendung (samāpati) des Weges der Umwandlungen (pariṇāma) der Grund-Webfäden der Natur (guṇa).

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich


Darauf erfolgt der Abschluß der Reihe der Veränderungen der Guṇa’s, da sie ihren Zweck erreicht haben.

Paul Deussen - 1908


Thereupon takes place the termination of the succession of the modification of the qualities which have done what was to be done (or which have realised their end).

James R. Ballantyne - 1852

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    Julia Hilgert

    am 06.05.2020

    Was mir auch direkt zu 4.29 in den Sinn kommt, und auch die nachfolgenden Sutras passen dazu: Wie oft habe ich bei meinen Kindern erlebt, dass in der Schule versucht wird, alle “gleich” zu behandeln. [...] Was mir auch direkt zu 4.29 in den Sinn kommt, und auch die nachfolgenden Sutras passen dazu: Wie oft habe ich bei meinen Kindern erlebt, dass in der Schule versucht wird, alle “gleich” zu behandeln. Also die Unterscheidungskraft nicht auf das einzelne Kind anzuwenden und die individuellen Unterschiede anzuerkennen (Das eher handwerklich begabte Kind könnte ja auch besonders im Handwerk gefördert werden und wem Mathematik leicht fällt wird wird hier unterstützt). Oder in der Yogapraxis, wenn die EINE (Asana-)Form auf ALLE angewendet werden soll. Daraus entsteht dann genau das Leid, welches wir doch immer zu vermeiden versuchen.

    • Hallo Julia,
      wau. Tolle Gedanken. Vielen Dank für's Teilen.
      Namaste und herzliche Grüße
      Ronald Hallo Julia,
      wau. Tolle Gedanken. Vielen Dank für's Teilen.
      Namaste und herzliche Grüße
      Ronald