Yoga-Sutra 1 – Samadhi Pada: über die Erleuchtung

Von der Erleuchtung - Samadhi Pada - erzählt das Anfangs-Kapitel des Yoga Sutra von Patanjali.

Yoga Sutra

Samadhi (समाधि, Samādhi) = Erleuchtung
Pada (पाद, Pāda) = Kapitel

Das erste Kapitel des Yoga-Sutra von Patanjali

Samadhi-Pada

Satz 33

maitri karuna mudito-peksanam-sukha-duhkha punya-apunya-vishayanam bhavanatah chitta-prasadanam ||33||

मैत्री करुणा मुदितोपेक्षाणांसुखदुःख पुण्यापुण्यविषयाणां भावनातः चित्तप्रसादनम् ॥३३॥

maitrī karuṇā mudito-pekṣāṇāṁ-sukha-duḥkha puṇya-apuṇya-viṣayāṇāṁ bhāvanātaḥ citta-prasādanam ॥33॥

Das wandelbare Wesen des Menschen (Chitta) wird harmonisiert (Prasadana) durch die Kultivierung von Empathie (Maitri), Hilfsbereitschaft (Karuna), positive Bestätigung (Mudita) und Fehlerfreundlichkeit (Upeksha) in Situationen von Glück (Sukha), Leid (Duhka), Erfolg (Punya) oder Misserfolg (Apunya). ||33||


maitrī = Liebe, Freundlichkeit, Empathie
karuṇā = Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Wohlwollen
mudito = (von muditā) Fröhlichkeit, Begeisterung, Heiterkeit, positive Bestätigung
upekṣana = (von upekṣ) Gelassenheit, Gleichmut, Fehlerfreundlichkeit
sukha = glücklich sein, Vergnügen
duḥkha = leidvoll, Schmerz
puṇya = erfolgreich, Verdienst
apuṇya = missglückt, Misserfolg, Sünde
viṣayānam = (acc. viṣayāna) Situationen
bhāvanātaḥ = (nom. bhāvanāta) Kultivierung, Entwicklung von Haltungen
citta = Chitta, das wandelbare Wesen des Menschen, umfasst neben Geist auch Emotion, Energie und Physis
prasādanam = (acc. von prasādana) Harmonie, Klarheit, Ruhe

Vier Tugenden lösen die Vorprägungen

In diesem Satz stellt uns Patañjali einen Weg vor, die Vorprägungen aufzulösen. Es sind die Entwicklung von Empathie (Maitrī), Hilfsbereitschaft (Karuṇā), positive Bestätigung (Mudita) und Fehlerfreundlichkeit (Upekṣa).

Vier Tugenden in der Partnerschaft

Analysieren wir diese vier Eigenschaften, fällt uns auf, dass sie die vier Grundvoraussetzungen für jede erfolgreiche zwischenmenschliche Beziehung sind. Liegen diese vier Grund-Tugenden vor, kann eine Beziehung gelingen:

  • Maitrī, die liebevolle Anerkennung des anderen. Ohne sie ist jede Beziehung undenkbar. Bringt man dem Partner keine Liebe entgegen, sondern Hass, ist die Beziehung beendet.
  • Karuṇā, die Hilfsbereitschaft. In einer gelungenen Partnerschaft hilft man sich gegenseitig. Gleichgültigkeit dem Partner gegenüber wirkt wie Gift für das Miteinander.
  • Mudita, die positive Bestätigung. Jeder Mensch braucht das Lob. Wie gut fühlt es sich an wenn jemand zu uns sagt: "Das hast Du gut gemacht". Wer niemals lobt, steht bald alleine da, denn keiner pflegt gerne eine Beziehung zu einem Griesgram.
  • Upekṣa, die Fehlerfreundlichkeit. Jeder macht Fehler, hat Fehler - und, ist eine Beziehung einmal zustande gekommen, fallen uns früher oder später diese auch am anderen auf. Hier brauchen wir Gelassenheit. - Das liebevolle hinwegsehen.

Diese vier Grund-Emotionen bedingen sich dabei gegenseitig, durch die Entwicklung der einen, wachsen die anderen wie von selbst.

Die wichtigste Partnerschaft in Deinem Leben

Im Yoga geht es um eine ganz besondere Beziehung, nämlich die wichtigste Partnerschaft in deinem Leben - die Beziehung zu dir selbst. Sich selbst zu lieben, klingt zunächst einmal sehr einfach, doch beobachten wir unser Verhalten, werden wir feststellen, dass wir oft nicht diese nötigen Grundeigenschaften Maitrī, Karuṇā, Mudita, Upekṣa kultiviert haben.

Was Yoga-Unterricht von einer Aerobic-Stunde unterscheidet

Yoga-Unterricht soll dementsprechend den Schüler zu einer harmonischen Beziehung mit sich selbst führen. Solch eine Beziehung kann durch das Modell Lehrer-Schüler entstehen. Emotionen, so lehrt uns die Psychologie, entstehen hauptsächlich in der Wechselbeziehung mit anderen Menschen. Kleine Kinder bekommen so erst in der Spiegelung mit den Eltern den Kontakt zu ihren Gefühlen. Sie benötigen das Feedback der Mutter oder des Vaters, das sie einmal fröhlich und einmal traurig sein lässt.

Das Ziel des Yoga-Unterrichts liegt fern abseits der Yoga-Matte. - Das ist vielleicht der wesentliche Unterschied zur Aerobic-Stunde. Alles was Aerobic zu bieten hat, findet in seiner Ausübung selbst statt. Eine "Bauch, Beine, Po" Stunde hat nicht den Anspruch, das gesamte Leben des Teilnehmers zu transformieren und ihn zu einer harmonischen Beziehung mit sich selbst zu führen. Aber gerade das ist es, was ein Yoga-Schüler bewusst oder unbewusst in der Yoga-Stunde sucht. Er will mehr als nur den physischen work-out. Er sucht die Verbindung zu sich selbst. Aufgabe des Yoga-Lehrers ist es, den Schüler dabei zu unterstützen.

In meinen Yoga-Stunden lasse ich deshalb immer etwas Raum für die Möglichkeit, die physische Praxis in einen spirituellen Zusammenhang zu stellen und dem Schüler zu helfen, etwas davon in seinen Alltag mitzunehmen. Yoga ist eben doch, wie oft spöttisch gesagt wird, 99% Praxis – abseits der Matte. Daher ist es mir wichtig, immer offen für die Lebensfragen und Probleme meiner Schüler zu sein. Gerade in dieser Hilfe und emotionalen Unterstützung sehe ich eine wichtige Aufgabe als Yoga-Lehrer, aber auch als Arzt und im privaten Leben.

Die vier Tugenden für den Yogalehrer

Für den Yogalehrer bilden die vier von Patanjali aufgeführten Tugenden die Basis eines guten Unterrichts:

  • Maitrī, die Empathie, Liebe und Freundlichkeit unseren Schülern gegenüber ist die Basis. Sonst stehen wir bald alleine im Yoga Raum.
  • Karuṇā, die Hilfsbereitschaft. Schließlich möchten wir auch etwas vermitteln. Wir helfen Menschen auf ihrem persönlichen spirituellen Weg, der Yogapraxis. Die Bereitschaft unsere Erfahrung und unser Wissen zu Teilen gehört essenziell dazu.
  • Mudita, die positive Verstärkung. Viele Lehrer scheitern an diesem Punkt. Sie möchten weiterhelfen und kritisieren daher nur an den Fehlern herum. Vergessen jedoch zu erwähnen was gut ist. Jedem Yogalehrer rate ich vor jeder Hilfestellung, jeder Verbesserung immer erst das gute zu finden. Höre einfach auf den Unterschied: "Strecke endlich Deinen Arm" oder: "Wau, hier sehe ich tolle starke Beine. Hole die Kraft aus den Beinen und strecke nun Deinen Arm."
  • Upekṣa. Mancher Schüler tut sich auch etwas schwer. Hier ist Gelassenheit und Fehlerfreundlichkeit gefragt. Lass Deinen Schülern Freiraum. Möchten sie anders praktizieren als Du es vorschlägst, dann ermögliche dies. Klappt eine Bewegung auch beim hundertsten Versuch nicht, dann erkläre sie zum einhunderteinsten mal.

Die vier Tugenden in meinem persönlichen Leben

In meinem persönlichen Leben versuche ich mich so oft wie möglich an die vier Tugenden aus diesem Sutra von Patanjali zu erinnern:

  • Ich bemühe mich stets, anderen Menschen liebevolle Anerkennung entgegenzubringen, (Maitrī), gerade auch dann, wenn die Zeit knapp ist.
  • Wenn jemand meine Hilfe benötigt, helfe ich gerne (Karuṇā). Dies gehört als Yoga-Lehrer und auch als Arzt sogar zu meinem Berufsbild. Manchmal ist meine Hilfe sehr konkret. Als Arzt beispielsweise verschreibe ich ein Medikament oder verordne eine Therapie. Bei Lebensfragen jedoch gebe ich selten konkrete Antworten. Vielmehr liegt es mir am Herzen, den Schüler seine persönliche Antwort finden zu lassen.
  • Mudita, die positive Verstärkung, sie ist als Yoga-Lehrer und Arzt eine wichtige Qualität. Oft muss ich Patienten sehr traurige Nachrichten überbringen. Mir ist es wichtig, hier trotzdem Zuversicht zu vermitteln. Wie soll der Patient an eine Genesung glauben, wenn ich ihm aus medizinischer Sicht diese Hoffnung nehme?
  • Upekṣa, die Gelassenheit, sie ist für mich oft die schwierigste der vier Tugenden. Es ist die Gelassenheit, einen guten Freund zur Zigarette greifen zu lassen. Auch das Akzeptieren gehört dazu, wenn ein Patient eine Therapie ablehnt, die ich für wichtig erachte. Doch gerade darin zeigt sich eine gute Beziehung, den anderen mit seinen Ecken und Kanten so anzunehmen, wie er eben ist.

Ein Weg zur Entwicklung der vier Tugenden

Um diese wichtigen Tugenden Maitrī, Karuṇā, Mudita und Upekṣa zu entwickeln, teile ich gerne folgende Technik mit zukünftigen Yoga-Lehrern:

Um Groll oder eine ähnliche Emotion gegenüber einer Erfahrung oder Person loszulassen, visualisiere ich diese Person oder Erfahrung mit einem Faden, der mich mit ihnen verbindet. Dann projiziere ich Liebe auf die Person und die Erfahrung, danke für das Geschenk des Wissens und stelle mir vor, wie der Faden durchgeschnitten wird und die Person/Erfahrung sich entfernt und nicht mehr länger Teil meiner inneren Erfahrung ist.

Manche berichten mir, dass auch ihnen diese Technik entscheidend dabei hilft, mit manchmal schwierigen Schülern umzugehen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen in ihrem privaten Leben hätten sich grundlegend verändert. Menschen, mit denen sie zuvor Probleme hatten, erscheinen plötzlich liebenswert und umgänglich. Auch Patañjali kennt und berichtet von diesem Phänomen:

Ob ein Objekt, eine Situation oder Person erkannt oder verkannt wird, hängt ab von dessen emotionaler Nähe und unseren Erwartungen. [YS IV.17]

Die Kultivierung von Maitrī, Karuṇā, Mudita und Upekṣa verändert unsere Wahrnehmung.

Alles was ich tue, denke und fühle zieht wellenartige Kreise nach außen und kann Freude wecken und Liebe ausstrahlen. Wenn ich den Zugang zur Liebe in mir selber finde, bin ich voller Kraft und habe deshalb viel zu geben. Der Schlüssel dazu liegt in der Fähigkeit, in mir selbst sowie in meinem Gegenüber das göttliche Wesen zu erkennen, das wir alle sind.

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