Yoga-Sutra 1 – Samadhi Pada: über die Erleuchtung

Von der Erleuchtung - Samadhi Pada - erzählt das Anfangs-Kapitel des Yoga Sutra von Patanjali.

Yoga Sutra

Samadhi (समाधि, Samādhi) = Erleuchtung
Pada (पाद, Pāda) = Kapitel

Das erste Kapitel des Yoga-Sutra von Patanjali

Samadhi-Pada

Satz 3

tada drashtuh svarupe-'vasthanam ||3||

तदा द्रष्टुः स्वरूपेऽवस्थानम् ॥३॥

tadā draṣṭuḥ svarūpe-'vasthānam ॥3॥

Dann ruht das wahre Selbst (Drashtu) in der Erkenntnis seiner eigenen Natur. ||3||


tadā = (adv.) dann
draṣṭuḥ = (g. sg. m. / abl. sg. m.) Das sehende Prinzip, das wahre Selbst
sva = (icc.) eigen
rūpa = (loc. sg. n. / acc. du. n. / nom. du. n.) Form
svarūpe = (loc. sg. n. von svarūpa) in der eigenen Form, eigene Natur, wahres Wesen, wahren Natur
avasthānam = (nom. sg. n. / acc. sg. n. von avasthāna) Wohnsitz, Ruhestelle, Niederlassung, Bleibe, ruhen in, erkennen.

Drashtu - ist frei von Veränderung

Während Chitta sich stets ändert, wohnt in uns ein unveränderlicher Kern. Dieser ist Drashtu, wörtlich das sehende Prinzip. Dieses unser wahres Selbst zu erkennen ist das Ziel des Yoga. Doch auch die Wahrnehmung seiner Selbst geschieht immer durch den Schleier des stets wandelbaren Chitta. Erst wenn Chitta zur Ruhe gefunden hat, kann die Welt um uns herum und auch unser wahres Wesen verzerrungsfrei wahrgenommen werden.

Das Konzept des Sehers und des sehenden Prinzips

Das Konzept von einem Seher und dem sehenden Prinzip stellt Patañjali bereits in den ersten Sätzen seines Sūtrāni vor. Das Verständnis dieser Unterscheidung ist für das Yoga von maßgeblicher Bedeutung.

Draṣṭu kann ganz wörtlich als "der Seher" übersetzt werden. Wir können uns Drashtu auch als unsere wahre Natur vorstellen. Citta hingegen wird gelegentlich als "das sehende Prinzip" übersetzt. Jede Wahrnehmung, die wir (Draṣṭu) erfahren, wird über Chitta vermittelt.

Stellen wir uns vor, dass wir eine Brille tragen, auf der sich ein Fleck befindet. Nun betrachten wir durch diese Brille die Welt. Überall wird nun dieser Fleck auftauchen. Wie wir die Brille für unser Sehen benötigen, so brauchen wir Chitta für die Wahrnehmung von Draṣṭu. Der Fleck auf der Brille trübt das Sehen. Genauso verändert ein Vr̥tti im Citta die Wahrnehmung von Draṣṭu.

Für den Yogin ist Chitta nicht nur für die visuellen Reize zuständig, sondern für jegliche menschliche Wahrnehmung. Als Menschen sind wir zu vielen Empfindungen fähig. Wir hören, riechen, tasten, schmecken, fühlen, meinen, glauben und erleben noch viel mehr. Chitta durchwebt gewissermaßen die menschliche Einheit aus Physis, Energie, Emotion und Gedanke.

Wörtlich übersetzt bedeutet Vr̥tti "Welle". Patañjali malt uns damit ein Bild von einem See. Das Wasser entspricht Citta, der Grund des Sees entspricht Draṣṭu. Wollen wir den Grund des Sees betrachten, dann ist das nur durch das Wasser möglich. Jede Welle auf der Oberfläche des Sees verzerrt unseren Blick auf den Grund. Bei hohem Wellengang schließlich werden wir den Grund gar nicht mehr erkennen können. Nur wenn Citta völlig klar ist, können wir bis zum Grund unseres eigenen Seins blicken, denn die Selbsterkenntnis ist letztendlich das Ziel des Yoga.

Für die Vielzahl von menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeit gibt es auch verschiedene Manifestationen von Vr̥tti.

Ich übersetze Vr̥tti gerne mit Vorurteil. Denn Vorurteile sind wohl das offensichtlichste Beispiel für Vr̥tti. Im Wort Vor-Urteil steckt „urteilen bevor wir es selbst erfahren“. Vorurteile können sich auf Situationen oder Personen beziehen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich Leistungssport betrieb. Einmal pro Woche trainierte ich Schwimmen in einem Becken, das einige Grad kühler war, als mein übliches Trainingswasser. Ich hasste diese Trainingseinheit. Es war auch nicht zu übersehen: ich hielt meine große Zehe ins Wasser und das allein ließ mich schon zittern vor Kälte. Jeder Meter des Schwimmtrainings war von meinem Bibbern begleitet. Am Ende des Trainings war ich blau gefroren. Doch eines Tages, während ich wieder in diesem kalten Wasser schwamm und vor mich hin zitterte, machte ich eine Entdeckung: Meine Trainingskollegen kamen alle mit dem Wasser einigermaßen gut zurecht. Ein Freund trainierte in diesem Becken sogar auf seinen 24h Weltrekord und verbrachte darin täglich etliche Stunden. Ich erkannte, dass es meine Entscheidung war, zu frieren oder nicht zu frieren. Sofort entspannte sich mein Körper und die Empfindung der Kälte war völlig verschwunden. Ich wusste nun, dass mein Frieren nur die Folge eines Vorurteils in dieser Situation war. Ich löste das Vorurteil, dass das Wasser zu kalt sei, auf, und meine Wahrnehmung veränderte sich augenblicklich.

Wir haben die Gewohnheit, uns viel zu schnell eine Meinung zu bilden, anstatt erst wirklich wahrzunehmen, was vor sich geht. Nehmen wir an, wir sehen einen Menschen mit schmutziger Kleidung und einer Bierflasche in der Hand. Sofort denken wir, dass wir einen obdachlosen Alkoholiker vor uns haben. Kommt diese Person auf uns zu, weichen wir schnell aus. Wir möchten nicht mit ihr reden oder in Kontakt treten. Dabei könnte die Situation auch anders sein. Vielleicht wird gerade eine herumliegende leere Bierflasche zum Abfallkorb getragen. Vielleicht ist die uns schmutzig erscheinende Kleidung Arbeitskleidung. Doch unser Vorurteil nimmt uns die Chance, die Wahrheit herauszufinden. Ein Vr̥tti verhindert in diesem Fall die Erkenntnis der Realität.
Platon erzählt in seinem "Höhlen-Gleichnis" eine ganz ähnliche Situation. Er beschreibt uns als Menschen, die symbolisch in einer Höhle sitzen. Unser Rücken ist dabei dem Ausgang zugekehrt. Die gesamte Wahrnehmung beschränkt sich auf die Schatten an der Höhlenwand. Diese Schatten halten wir für die einzige Realität, ohne dabei auf die Idee zu kommen, uns umzuwenden und die Objekte, die die Schatten werfen, direkt anzusehen. Auch für den Yogin ist aufgrund der alles verzerrenden Vr̥tti[s] zunächst keine direkte Wahrnehmung möglich. Was wir für Realität halten, ist letztendlich nur ein grober Schein, wie Schatten an der Höhlenwand oder der Grund eines Sees bei bewegtem Wasser.

Ich versuche, jeder Situation so unvoreingenommen wie möglich entgegenzutreten. Ich habe festgestellt, dass dies mein Leben entscheidend verändert hat. Es gibt nur einen Weg etwas zu erleben, - es zu erleben…

Im Yoga möchten wir vor allem uns selbst, unsere wahre Natur, erfahren. Wir selbst werden hier zum Objekt der Betrachtung, doch diese ist den gleichen Verzerrungen unterworfen wie die Wahrnehmung äußerer Objekte. Die Praxis des Yoga baut systematisch die Verzerrungen (Vr̥tti) unserer Wahrnehmung (Citta) ab und gewährt uns letztendlich eine freie Sicht auf unsere wahre Natur (Draṣṭu).

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