Yoga Sutra

Von der Erleuchtung - Samadhi Pada - erzählt das Anfangs-Kapitel des Yoga Sutra von Patanjali.

Samadhi (समाधि, Samādhi) = Erleuchtung
Pada (पाद, Pāda) = Kapitel

Das erste Kapitel des Yoga-Sutra von Patanjali

Samadhi-Pada

Satz 30

vyadhi styana sanshaya pramada-alasya-avirati bhrantidarshana-alabdha-bhumikatva-anavasthitatvani chitta-viksepah te antarayah ||30||

व्याधि स्त्यान संशय प्रमादाअलस्याविरति भ्रान्तिदर्शनालब्धभूमिकत्वानवस्थितत्वानि चित्तविक्षेपाः ते अन्तरायाः ॥३०॥

vyādhi styāna saṁśaya pramāda-ālasya-avirati bhrāntidarśana-alabdha-bhūmikatva-anavasthitatvāni citta-vikṣepāḥ te antarāyāḥ ॥30॥

Diese Hindernisse (Antaraya) sind: körperliche Einschränkung (Vyadhi), Stumpfsinn (Styana), Zweifel (Samshaya), Arroganz (Pramada), Faulheit (Alasya), Abgelenktheit (Avirati), Fanatismus (Bhrantidarshana), fehlende Zielstrebigkeit (Alabdabhumikatva), Unbeständigkeit (Anavastitatvani). Sie trüben (Vikshepa) das wandelbare Wesen des Menschen (Chitta). ||30||


vyādhi = Krankheit, körperliche Einschränkung
styāna = Stumpfsinn, geistige Trägheit, Steifheit, Rigidität
saṁśaya = Zweifel, Zögern, Unentschlossenheit,
pramāda = Aufgeblasenheit, Arroganz, Achtlosigkeit, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit
ālasya = Faulheit
avirati = Abgelenktheit
bhrānti = Irrtum
darśana = Ansicht
bhrānti-darśana = Verblendung, Fanatismus
bhūmi = Erde, Stufe
alabdha-bhūmikatva = fehlende Zielstrebigkeit, Nichterreichen einer Stufe
anavasthitatvāni = Unstetigkeit, Unbeständigkeit
citta = Verstand
vikṣepaḥ = (nom. von vikṣepa) Zerstreuung, Trübung, Unruhe
te = sie, diese
antarāyaḥ = (nom. von antarāya) Hindernisse

Ein oft überlesener Satz

Wohl tausendmal habe ich das Yogasutra rezitiert bevor ich über diesen Satz stolperte und bemerkte wie basal, wie umfassend er eigentlich ist. Die Antarayas sind die Hindernisse die uns immer und überall im Leben begegnen. Wir können keine Handlung ausführen, kein Gespräch führen, kein Ziel erreichen ohne uns mit ihnen auseinander zu setzen. Die Hindernisse stehen dabei nicht wahllos aufgelistet, sondern der Reihe nach geordnet als neun fundamentale Schwierigkeiten eine Beziehung zu einem wie auch immer beschaffenen Objekt aufzubauen.

Die Hindernisse auf der Yogamatte

Nehmen wir als erstes Beispiel unsere Yogapraxis als das Objekt mit dem wir eine Beziehung aufbauen möchten. Diese Beziehung kann an neun verschiedenen Stufen scheitern. Diese erarbeiten wir im folgenden:

Vyadhi - Die körperliche Einschränkung

Es ist die häufigste Ausrede die ich höre wenn ein Schüler nicht im Yogaunterricht erscheint. Es heißt dann: "Mein Rücken schmerzt" oder "Ich habe mein Knie verletzt". Mein Einwand, dass ich ihm spezielle Übungen für seinen Rücken und Knie zeigen kann überzeugen hier nur wenig. Fakt ist, wir können mit jeder Form von Krankheit und körperlicher Einschränkung Yoga üben. Krishnamacharya hat es schon gesagt: "Jeder Mensch kann Yoga üben - solange er atmen kann". Dennoch nutzen wir eine Krankheit gerne als Grund nicht zu üben. - ganz ehrlich, ich kenne das auch. Da habe ich mir mal die kleine Zehe verstaucht und schon ist meine ganze Praxis verändert.

Styana - der Stumpfsinn

Klar könnten wir üben, doch warum sollten wir? Wenn Du diese Zeilen liest, dann hast Du dieses Hindernis offensichtlich schon überwunden. Du siehst den Sinn und die Notwendigkeit der Yogapraxis. Doch damit gehörst Du zu einer Minderheit. Wohl die meisten Menschen sehen überhaupt keinen Sinn in der Praxis. Sie sind mit dem Status Quo zufrieden, für sie besteht kein Grund über Yoga eine Veränderung einzuleiten.

Samshaya - der Zweifel

Gehen wir weiter auf unserem Yogischen Weg. Wir haben bereits einige Yogastunden besucht, einige Lehrer kennengelernt und nun sind wir verwirrt. Der eine sagt wir sollen das Bein strecken, der andere sagt wir sollen es beugen. Damit wir nichts falsch machen üben wir besser gleich gar nicht.

Pramada - die Arroganz

Um zu lernen muss man sich etwas sagen lassen. Wer zu arrogant ist zuzuhören kann auch nicht wachsen. Das ist ganz besonders auf der Yogamatte so. Wir müssen auf das was der Yogalehrer uns zu vermitteln versucht eingehen, sonst werden wir nichts aus der Yogastunde mitnehmen können.

Eine alte Buddhistische Geschichte berichtet über einen Meister der seinem Schüler Tee in eine volle Tasse gießt. Die Tasse ist voll, doch der Meister gießt immer weiter. Bis der Schüler entsetzt fragt was der Meister da mache. Die Tasse sei voll, es passe nichts mehr hinein, ob er das nicht sehe. Der Meister erwidert: "Genau so bist Du. Du bist angefüllt mit all Deinem Wissen, Erwartungen und Stolz. Nichts von dem was ich Dir sage könntest Du aufnehmen." Der Geschichte zufolge erkennt der Schüler daraufhin seine Arroganz und Verblendung. Er leert seine Teetasse und lässt sich vom Meister neuen Tee einschenken. Von nun an wird er ein achtsamer und offener Schüler.

Alasya - die Faulheit

Auch wenn die Vorsätze noch so gut sind. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach, - so sagt es ein altes Sprichwort. Um auf dem Weg des Yoga voranzuschreiten müssen wir in erster Linie praktizieren. Ich nehme mir meist früh am Morgen die Zeit für meine Praxis. Wenn bei mir um 5 Uhr der Wecker klingelt, dann kann ich jede Schattierung von Alasya erleben.

Avirati - die Abgelenktheit

Viele Wege führen bekanntlich nach Rom. So führen viele Traditionslienien und spirituelle Techniken zur wahren Selbsterkenntnis. Doch man kann nicht alle gleichzeitig gehen. Mein geschätzter Lehrer Iyengar erklärte mir einmal:

Wenn Du von hier (Mysore) nach Bangalore willst, dann kannst Du den Zug nehmen. Du kannst auch mit dem Maruti (eine Automarke) fahren - oder Tata (eine andere Automarke). Aber Du steigst nicht um!

In indischem Englisch klingt das:

If you want to go to Bangalore, you can take Train. You can also take Maruti. - oh, you can also take Tata. ... but you never change!

Bhranti-darshana - Der Fanatismus

Ein Hindernis das uns betrifft wenn wir schon ein gutes Stück auf dem Yogaweg vorangeschritten sind. Wir sind so überzeugt von unserer Praxis, dass wir alles andere um uns herum vergessen. Alle anderen Wege sind für uns nur Irrwege. Wer nicht Yoga praktiziert eigentlich kein rechter Mensch. Spiritueller Fanatismus ist ein großes Hindernis zu wahrem menschlichen Wachstum und Fortschritt auf dem persönlichen spirituellen Weg.

Alabdha-bhumikatva - Die fehlende Zielstrebigkeit

Ein fortgeschrittenes Hindernis. Denn es betrifft im Yoga den Praktizierenden der das Ende jeder Technik erreicht hat. Eigentlich ist er schon am Ziel, doch er erkennt es nicht. Es ist als wären wir mit dem Auto den ganzen Weg von Mysore nach Bangalore gefahren. Nun in Bangalore angekommen fahren wir mit unserem Auto umher orientierungslos. Unser Ziel haben wir erreicht. Aber wir müssen das Auto parken und aussteigen um wirklich angekommen zu sein.

Anavasthitatvani - Die Unbeständigkeit

Ein ebenso fortgeschrittenes Hinderniss. Erreichen wir den höchsten Zustand des Yoga, oder auch nur eine Stufe der Erkenntnis ist es unsere Aufgabe diesen zu bewahren. Vielleicht sind wir im Urlaub auf ein Yoga-Retreat gefahren. Wir kehren zurück in vollkommener innerer Harmonie. Doch nach wenigen Tagen holt uns der Alltag mit seiner Hektik und dem Stress wieder ein. Die innere Harmonie geht verloren.

Wissen überwindet Hindernisse

Mit dem richtigen Wissen können wir alle Hindernisse überwinden. Oft reicht es schon, dass uns das Problem bekannt ist - und schon ist es überwunden. Werden wir uns beispielweise bewusst, dass der verstauchte Zeh (Vyadhi) eine vorzügliche Ausrede ist, können wir uns die Absurdität vor Augen führen und dennoch Yoga praktizieren. Morgens um 5 Uhr hilft mir der Gedanke an Alasya, die Faulheit, um mir zu helfen aufzustehen und mich auf die Yogamatte zu stellen.

Die Hindernisse bei einem Gespräch

Wie anfangs erwähnt wäre es falsch die Hindernisse nur auf die Yogapraxis zu beschränken. Denn jede Beziehung mit einem äußeren Objekt, die wir eingehen kann an eben diesen neun Hindernissen scheitern. Nehmen wir als Beispiel ein Gespräch:

  • vyadhi - die körperliche Einschränkung: Ein Gespräch kann daran scheitern, dass wir unterschiedliche Sprachen sprechen, taub oder stumm sind oder uns an verschiedenen Orten der Erde aufhalten.
  • Styana - Der Stumpfsinn: Bevor ein Gespräch zustande kommt muss ich Interesse am anderne Menschen oder dem Thema haben. Ohne Interesse kein Gespräch.
  • Samshaya - der Zweifel: Vielleicht habe ich Interesse, aber es sind noch mehr interessante Menschen im Raum. Mit wem soll ich nun sprechen? Auch an dieser Frage kann ein Gespräch scheitern.
  • Pramada - Die Arroganz: Zuhören ist die Basis für ein Gespräch.
  • Alasya - die Faulheit: Man sagt der Kontakt oder das Gespräch schläft ein. Eigentlich wurde es nie zuende geführt, doch aus Faulheit verebbt es in der Nichtigkeit.
  • Avirati - die Abgelenktheit: Wenn es viele interessante Themen zu besprechen gibt, scheitert das Gespräch in nicht zusammenhängenden Aspekten.
  • Bhraanti-darshana - der Fanatismus: Nur wenn ich auch andere Standpunkte gelten lassen kann, kommt ein Gespräch zu einem fruchtbaren Ergebnis. Beharrt eine Seite fanatisch auf ihrem Standpunkt kann das Gespräch unmöglich zu einem Resultat führen.
  • Alabdha-bhuumikatva - fehlende Zielstrebigkeit: Bei einem guten Gespräch muss man wissen wann das Ende gekommen ist. Irgendwann ist alles zu einem Thema gesagt. Es kommen keine neuen Gedanken dazu. Nun ist es Zeit sich von seinem Gesprächspartner zu verabschieden. Ein Scheitern hier führt zu dem ermüdenden Wiederholen immer wieder der selben Standpunkte.
  • Anavasthitatvani - die Unbeständigkeit: Das Gespräch ist beendet. Wir haben etwas daraus gelernt. Nun gilt es das Besprochene mitzunehmen. Nur so können wir als neuer, weiserer Mensch aus einem Gespräch hervorgehen.

Der Yogi als Hürdenläufer

Die Hindernisse sind dabei nichts schlechtes auf dem Weg des Yoga. Ganz im Gegenteil, sie gehören zum Weg. So wie ein guter Hürdenläufer nicht auf die Idee käme die Hürden zur Seite zu stellen. Es ist sein Sport sie immer wieder elegant zu überwinden. Genauso üben wir im Yoga immer wieder die Hindernisse anzugehen und zu überwinden. Manchmal straucheln wir - und wie ein guter Hürdenläufer stehen wir wieder auf und versuchen es erneut.

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